Warum Hochsensibilität nichts mit Schwäche zu tun hat, aber mit Energie

Veröffentlicht am 12. Februar 2026 um 15:10

 

Kennst du das Gefühl, dass du eigentlich gut funktionierst, aber innerlich schneller erschöpft bist als andere? Du nimmst viel wahr, fühlst viel, denkst viel mit und fragst dich, warum dich all das so viel Kraft kostet?

 

Viele hochsensible Menschen tragen genau diese Fragen in sich. Oft leise und verbunden mit dem Gedanken, man müsste doch „belastbarer“ sein. Ich lade dich heute zu einem anderen Blickwinkel ein.

 

Foto: Privat

 

Hochsensibilität ist ein Nervensystem mit hoher Verarbeitungstiefe

und wird in der Forschung häufig als Sensory Processing Sensitivity (SPS) bezeichnet. Sie beschreibt ein Persönlichkeitsmerkmal, nicht unbedingt im klassischen Sinn. Vielmehr ist es der Ausdruck einer Arbeitsweise des Nervensystems.

 

Ein hochsensibles Nervensystem arbeitet mit hoher Verarbeitungstiefe. Es nimmt mehr Reize auf, verknüpft Informationen komplexer und lässt sie länger nachwirken.
Dabei wird oft übersehen, dass Wahrnehmung kein passiver Vorgang ist. Sie ist aktive Arbeit und sie verbraucht Energie.

 

Das wirst du vermutlich daran merken, dass Ereignisse länger in deinen Gedanken nachklingen und es dir schwerfällt, zur Ruhe zu kommen. Diese erhöhte Verarbeitungstiefe geschieht unwillkürlich. Sie ist kein bewusstes Entscheiden und auch kein „Abstellen“.  

 

Jeder Reiz, der aufgenommen wird, muss im Körper verarbeitet werden. Neuronale Aktivität, hormonelle Reaktionen, emotionale Einordnung, all das benötigt Energie.

 

Mehr Input + mehr und tiefere Verarbeitung = höherer Energiebedarf.

 

Nicht, weil etwas „zu viel gefühlt“ wird, sondern weil mehr integriert wird.

 

 

Hochleistung braucht passende Bedingungen

 

Man kann sich ein hochsensibles Nervensystem wie ein Hochleistungsfahrzeug vorstellen.

 

Ein Kleinwagen ist auf Sparsamkeit und Effizienz ausgelegt, während ein Formel-1-Wagen, der extrem fein abgestimmt und hochreaktiv ist, auf Leistung und Präzision konstruiert ist.

Ein solches System ist anspruchsvoll und sensibel, aber nicht schwach.

Es braucht hochwertige „Energiezufuhr“ (emotional, mental, körperlich), klare Grenzen gegenüber Dauerreizen und ausreichend Regenerationsphasen. Wird das System dauerhaft auf Hochleistung unter Bedingungen betrieben, die diese Anforderungen ignorieren, reagiert es logisch mit Überlastung.

 

Erschöpfung ist ein Regulationssignal

 

Viele hochsensible Menschen erleben Erschöpfung, Reizüberflutung oder Rückzugsbedürfnis, weil ihr System sich regulieren möchte. Nicht weil sie schwach sind.

 

In der Stressforschung spricht man hier von einer chronischen Aktivierung des Nervensystems. Der Körper bleibt zu lange im Modus erhöhter Wachsamkeit. Erschöpfung ist in diesem Zusammenhang kein Zeichen von fehlender Belastbarkeit. Sie ist ein biologisches Signal, dass Energieverbrauch und Regeneration aus dem Gleichgewicht geraten sind.

 

 

Warum Vergleiche dich in die Irre führen

 

Du vergleichst dich mit weniger sensiblen Menschen und denkst:

„Ich müsste doch belastbarer sein, die schaffen das doch auch!“.

Doch Vergleiche mit weniger sensiblen Menschen greifen zu kurz.

 

Ein System mit höherer Reizoffenheit und tieferer Verarbeitung benötigt eine höhere Energiezufuhr. Was als individuelles Versagen wahrgenommen wird

ist eine systemische und sinnvolle Eigenschaft.

Niemand würde erwarten, dass ein Hochleistungsmotor mit Minimaltreibstoff dauerhaft stabil läuft. Dein Auto betankst du selbstverständlich mit dem dafür vorgesehenen Treibstoff.

 

Grafik: Kerstin Kröffges-Hahn

 

Eine neue Frage statt alter Selbstzweifel

 

Statt dich zu fragen: „Warum bin ich so empfindlich?“, frage dich:

„Welche Bedingungen braucht mein Nervensystem, um tragfähig arbeiten zu können?

 

Hochsensibilität ist kein Defizit. Sie ist eine besondere Form von Präzision,

mit spezifischen Anforderungen.

Sie ist ein Schatz!

 

Es geht nicht darum, dich zu optimieren, nicht mehr Druck durch „Techniken“, sondern darum dein System besser zu verstehen und zu „verwalten“.

Wenn du dich oft fragst, warum Stress bei dir nicht einfach „vorübergeht“, sondern lange nachwirkt, dann ist dieser nächste Schritt wichtig.


In Teil 2 schauen wir auf die Stressreaktion des Körpers:

auf die Stressachse, auf den Unterschied zwischen kurzfristiger Aktivierung und chronischer Belastung und darauf, warum sensible Nervensysteme besonders darunter leiden, wenn Stress kein Ende findet.

 

Als Grundlage dessen beschäftige ich mich mit den Fragen:

Welche Wirkung hat Stress auf hochsensible Nervensysteme?

Wie finde ich einen Ausgleich zwischen Energie, Regulation und Reizverarbeitung?

Warum ist Selbstregulation kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit?

Was sich oft wie Schwäche anfühlt, folgt einer inneren Logik.

 

Genau dort beginnt Entlastung.

 

 

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