Was ist bloß mit meinem Kind los?
Kaum sind die Sommerferien vorbei, ist er wieder da: der Schulstress.
In meinem Umfeld habe ich es letzte Woche deutlich gespürt. Die Klickzahlen auf meiner Homepage stiegen rasant an, und in den Kommentaren erreichten mich viele Hilferufe verzweifelter Eltern. Um ein bisschen zu entlasten und Druck aus dem System zu lassen schreibe ich heute diesen Blogbeitrag.
Was mich daran besonders betroffen macht: Wir reden hier von der ersten Woche nach den Ferien.
Schon in der ersten Woche kocht in unzähligen Familien der Druck über. Die Kinder reagieren sofort: mit Übellaunigkeit, Schlafproblemen, Wutausbrüchen. Manche verweigern ganz. Andere klagen über Bauch- oder Kopfschmerzen, Verspannungen, Stresssymptome. Das sind keine Bosheiten und keine „Macken“. Es sind Hilferufe. Kinder zeigen uns Erwachsenen, dass etwas in unserem System nicht stimmt.

Schritt für Schritt
Viele von uns unterschätzen, wie groß die Umstellung von den Ferien zurück in den Schulalltag für Kinder ist. Nach sechs Wochen Ferien brauchen viele schlicht Zeit, um sich wieder einzufinden. Plötzlich heißt es: früh aufstehen, stillsitzen, konzentriert arbeiten, weniger Bewegung und dazu die Lautstärke eines ganzen Klassenzimmers aushalten. Für uns Erwachsene mag das selbstverständlich wirken, für Kinder ist es eine unterschätzte Herausforderung, die Kraft kostet und sich oft in Stresssymptomen äußert.
Kinder brauchen keine Härtekur, sie brauchen Erwachsene, die ihnen Sicherheit geben
Oft wünschen sich Eltern schnelle Einzelfallhilfen für ihr Kind. Grundsätzlich gilt: Natürlich sollen Kinder mit besonderen Bedürfnissen oder Erkrankungen jede Förderung und jede Therapie erhalten, die sie für eine gute Entwicklung brauchen. Aber die große Zahl der Kinder, die in den ersten Schultagen leiden, signalisiert etwas anderes: Sie brauchen keine zusätzliche „Behandlung“, sondern Erwachsene, die sie verantwortungsvoll, achtsam und unterstützend im Alltag begleiten.
Wenn wir nur auf die Kinder schauen, verpassen wir den Kern. Der Stress entsteht nicht im Kind, sondern in der Art, wie wir Erwachsenen Schule, Leistung und Zukunft betrachten.
Viele Eltern spüren die Not ihrer Kinder sehr genau. Sie sehen, dass es ihnen nicht gut geht, und möchten helfen, wissen aber oft nicht wie. Leider halten sich hartnäckig Erziehungstipps wie: „Da muss es durch. Das muss es lernen auszuhalten.“ Doch diese Haltung verschärft das Problem nur. Kinder brauchen in erster Linie Verständnis, Sicherheit und Erwachsene, die ihnen vertrauen.
Woher kommt der Druck?
Eltern, die Sorge um die Zukunft ihres Kindes haben. Schon in den frühen Klassen kreisen Gedanken darum, ob es später wohl das Gymnasium schafft. Vergleiche mit Freunden und Mitschülern setzen zusätzlich unter Druck. Hinzu kommt, dass der Alltag mit Arbeit, Schule und Familie irgendwie wieder funktionieren muss.
Lehrer, die selbst belastet sind, Lehrpläne zu erfüllen und Ergebnisse zu liefern. Doch diese Gleichmacherei funktioniert nicht. Jedes Kind hat sein eigenes Tempo, eigene Stärken und Schwächen.
Gesellschaft, die Erfolg fast ausschließlich an Noten und akademischen Laufbahnen misst. Dabei vergessen wir, dass unsere Gesellschaft von Vielfalt lebt. Wir brauchen nicht nur Akademiker, sondern auch Handwerker, Bäcker, Pfleger, Reinigungskräfte und Müllwerker. Ohne die Menschen, die frühmorgens in den Müllwagen steigen, wäre unser Alltag binnen weniger Tage im Chaos versunken.
Freude statt Druck
Vielleicht lohnt es sich für uns Erwachsene, einmal zurückzuschauen:
Wie haben wir unsere eigene Grundschulzeit erlebt?
Meine persönliche Erinnerung ist geprägt von Leichtigkeit. Sicher gab es Lehrer, vor denen ich Respekt oder auch Angst hatte. Aber diesen ständigen Druck, diese Sorge um die Zukunft, den gab es nicht. Wir durften Kind sein.
Wie war deine eigene Grundschulzeit?
Erinnerst du dich noch, wie frei, unbeschwert oder verspielt sie manchmal war?
Das Wichtigste ist nicht, ob ein Kind die besten Noten schreibt.
Das Wichtigste ist, ob es Freude am Lernen entwickeln darf. Denn ein Kind, das Freude am Entdecken und Forschen erlebt, wird neugierig bleiben und seinen Platz in der Gesellschaft finden, egal, welchen Weg es einschlägt.
Michael Ende hat in seiner Geschichte von Momo die Figur des Straßenkehrers Beppo geschaffen. Beppo erklärt, dass er beim Kehren nicht an die ganze lange Straße denkt, das würde ihn entmutigen. Stattdessen schaut er nur auf den nächsten Schritt, den nächsten Atemzug, den nächsten Besenstrich. So verliert er nie die Freude an seiner Arbeit.
Genauso sollten wir auch die Entwicklung unserer Kinder betrachten:
Schritt für Schritt, im eigenen Tempo.
Ein Aufruf an uns Erwachsene
Wir Erwachsenen sind gefragt, den Druck aus dem System zu nehmen, zu Hause und in der Schule. Elaine Aron fasst es in einfachen, aber kraftvollen Empfehlungen für Eltern und Lehrkräfte zusammen. Fünf davon möchte ich besonders hervorheben:
- Akzeptiere Unterschiede: jedes Kind hat sein eigenes Tempo, seine individuellen Stärken und eben auch Schwächen.
- Beziehung vor Bildung: baut positive Beziehungen zu den Kindern auf. Dazu braucht es keine speziellen Programme. Ein „Erkläre mir wie du das meinst“, signalisiert echtes Interesse, öffnet Türen.
- Höre wirklich zu: Kinder fühlen sich ernst genommen, wenn wir ihre Gefühle anerkennen. Kinder, die sich verstanden fühlen bauen weniger Stress auf.
- Reduziere unnötigen Lärm und Hektik: minimiere Überstimulation. Eine ruhige Umgebung erleichtert Lernen enorm.
- Plane Pausen achtsam: Kinder brauchen Rückzug und Erholung, um ihre Energie zu halten. Teile Pausenräume auf in Bewegungs- und Ruhebereiche, damit die Kinder sich nehmen können, was sie zum Verarbeiten der vielen Reize brauchen.
Mehr Hilfen und Anregungen finden Eltern und Lehrer unter
https://sensitivityresearch.com/de/

Jeder in seinem Tempo
Unsere Kinder verdienen eine Kindheit voller Staunen, Spielen, Forschen, Lernen.
Eine Kindheit ohne Angst um Noten und Zukunft.
Wenn wir wollen, dass sie die Freude am Lernen behalten, müssen wir ihnen Vertrauen schenken und uns selbst daran erinnern, wie schön es ist, Kinder auf ihrem Weg zu begleiten.
Denn: Der Druck im System tut niemandem gut. Weder den Kindern. Noch uns Erwachsenen.
Lerne ich von klein auf meinen Fokus auf Fehler und Probleme zu legen, dann werde ich mich auch als Erwachsener ständig gestresst und getrieben fühlen.
Nach Lösungen suchend nehme ich mich als selbstwirksam wahr und bleibe somit handlungsfähig um Stress zu vermeiden oder abzubauen.
Kinder brauchen Erwachsene, die den Mut haben, den Fokus von Druck und Fehlern auf Lösungen und Vertrauen zu lenken.
So können wir gemeinsam Druck abbauen und Freude zurückbringen.
Lasst uns zu Lösungsfindern werden!
Lasst die Kinder Kinder sein,
denn sie sind es nur für eine kurze Zeit.
Netzfund
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