Teil 2 Warum Stress bei sensiblen Menschen so tief greift. Die Logik des Nervensystems

Veröffentlicht am 21. Februar 2026 um 16:33

 

Im ersten Teil ging es darum, dass ein hochsensibles Nervensystem mehr verarbeitet und deshalb mehr Energie benötigt. Wahrnehmung ist keine passive Eigenschaft, sondern aktive Arbeit des Körpers.

 

Doch was passiert eigentlich im Körper, wenn diese Verarbeitung unter Stress steht?

 

Viele sensible Menschen erleben etwas Paradoxes:

Eine Situation ist längst vorbei und trotzdem bleibt der Körper angespannt.

Der Kopf weiß vielleicht, dass gerade keine Gefahr besteht, aber innerlich fühlt es sich nicht danach an.

 

Foto: Privat

 

Vielleicht kennst du das Gefühl:

Eine Situation begleitet dich noch lange, obwohl sie längst vorbei ist. Dein Körper bleibt angespannt. Du fühlst dich nach scheinbar kleinen Belastungen überraschend erschöpft.

 

Viele Menschen erleben Stress nicht nur als Moment, sondern als Zustand, der nachwirkt. Dabei geht es nicht nur um Hochsensibilität. Diese Dynamik betrifft besonders Menschen mit hochfunktionalen Nervensystemen.

Dazu gehören zum Beispiel:

 -> hochsensible Menschen

 -> Menschen im Autismus-Spektrum (z.B. Asperger-Autismus)

 -> Menschen mit ADHS

 -> hochbegabte Menschen

 -> Menschen mit unverarbeiteten oder chronischen Stress- und Traumaerfahrungen

 

Diese Systeme haben eines gemeinsam:

Sie verarbeiten Informationen intensiv, schnell und tief.

Auf den ersten Blick könnte man das als Schwäche definieren, doch auf den zweiten Blickt zeigt

sich die hohe Leistungsfähigkeit dieser Systeme. Gleichzeitig bedeutet es aber auch:

Mehr Verarbeitung benötigt mehr Energie und mehr Zeit zur Regulation.

Viele der folgenden Zusammenhänge gelten daher nicht nur für Hochsensible, sondern für fein abgestimmte Nervensysteme insgesamt.

 

Stress ist mehr als nur Druck von außen

 

Im Alltag wird Stress oft mit Zeitmangel, Terminen oder äußeren Anforderungen gleichgesetzt. Biologisch betrachtet ist Stress jedoch etwas anderes.

 

Stress ist eine Aktivierung des Nervensystems als Reaktion auf wahrgenommene Anforderungen.

Nicht das Ereignis selbst ist entscheidend, sondern wie intensiv es innerlich verarbeitet wird.

 

Zwei Menschen können dieselbe Situation erleben und völlig unterschiedlich darauf reagieren. Nicht weil einer stärker oder belastbarer ist, sondern weil ihre Nervensysteme unterschiedlich arbeiten.

Vielleicht hast du das schon erlebt: Nach außen war es „nicht viel“, innerlich bist du jedoch sehr aufgewühlt oder angespannt.

Hier liegt ein zentraler Unterschied bei hochfunktionalen Nervensystemen. Sie nehmen Reize feiner wahr, bewerten sie differenzierter und verknüpfen sie tiefer mit inneren Bedeutungen.

Das macht Stress nicht unbedingt lauter, oft jedoch tiefer.

 

 

Die Stressachse: Wie reagiert der Körper auf Aktivierung?

 

Wenn dein Körper Stress wahrnimmt, wird automatisch die sogenannte Stressachse aktiviert (fachlich: HPA-Achse: Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse).

Dabei handelt es sich um ein Zusammenspiel zwischen Gehirn und Hormonsystem.

 

Innerhalb kurzer Zeit werden Botenstoffe ausgeschüttet,

die den Körper auf Aktivität vorbereiten:

 -> Aufmerksamkeit steigt

 -> Energie wird bereitgestellt

 -> Muskeln spannen sich an

 -> Wahrnehmung wird schärfer

 -> Denken wird fokussierter

 

Kurzfristig ist das ein genialer Mechanismus. Ohne diese Stressreaktion könnten wir Herausforderungen gar nicht bewältigen.

Diese kurzfristige Aktivierung nennt man Akutstress.

Akutstress ist sinnvoll und überlebenswichtig

 

 

Kurzfristiger Stress ist kein Problem.

 

Im Gegenteil: Er ist ein hochwirksamer Schutzmechanismus.

Akutstress mobilisiert Energie und richtet den Fokus nach außen. Der Körper wird leistungsfähiger und konzentrierter.

Nach einer akuten Belastung kehrt das System idealerweise wieder in die Regulation zurück.

Das gilt auch für hochfunktionale Nervensysteme.

Entscheidend ist dabei ein klares Signal des Körpers:

Du bist wieder sicher.

Erst dann beginnt echte Regeneration. Das Nervensystem kann von Aktivierung wieder in Entspannung wechseln. Diese Fähigkeit bezeichnet man als Regulation.

 

 

Dauerstress ist, wenn Entwarnung ausbleibt

 

Problematisch wird Stress, wenn keine echte Entlastung mehr folgt. Dann bleibt das Nervensystem teilweise aktiviert, auch wenn äußerlich längst Ruhe möglich wäre.

Man spricht hier von chronischem Stress oder Daueraktivierung.

 

Der Körper bleibt nicht dauerhaft im Alarmzustand, aber in einem Zustand erhöhter Wachsamkeit. Man kann sich das wie eine Alarmanlage vorstellen, die nicht mehr laut losgeht, aber dauerhaft auf „scharf“ steht.

 

Das System verbraucht kontinuierlich Energie, auch dann, wenn eigentlich Ruhe möglich wäre.

 

Biologisch bedeutet das unter anderem:

Stresshormone wie Cortisol werden über längere Zeit ausgeschüttet. Sie halten das Nervensystem aktiv, während Regenerationsprozesse in den Hintergrund treten.

Das Nervensystem bekommt kein klares Signal mehr, dass Entspannung wirklich sicher ist.

 

Foto: Privat

 

Warum reagieren hochfunktionale Nervensysteme tiefer?

 

Ein fein abgestimmtes Nervensystem ist besonders gut darin, Unterschiede wahrzunehmen. Das betrifft nicht nur äußere Reize, sondern auch innere Zustände, Stimmungen und Spannungen. Viele Menschen mit solchen Nervensystemen bemerken sehr früh, wenn sich etwas verändert.

 

Vielleicht kennst du diese Situation:

Bei der Arbeit triffst du eine Kollegin oder einen Kollegen. Du spürst sofort, dass die Person anders ist als sonst, angespannter oder distanzierter.

Du fragst dich: „Was habe ich falsch gemacht?“

Diese Frage lässt dich nicht mehr los.

Während andere die Situation schnell vergessen, arbeitet dein Nervensystem weiter.

Gedanken, Gefühle und Körperreaktionen bleiben aktiv.

Was andere schneller „abhaken“, wird innerlich emotional, gedanklich und körperlich weiterverarbeitet.

Stress endet daher nicht automatisch mit dem Ereignis.

Er braucht Integration.

 

 

Integration: wann Stress wirklich endet

 

Damit ein Erlebnis wirklich abgeschlossen ist, braucht das Nervensystem Zeit zur Verarbeitung. Diesen Prozess nennt man Integration.

 

Integration bedeutet:

Der Körper hat die Aktivierung vollständig verarbeitet. Erst dann kann echte Entspannung entstehen.

Bleibt Integration aus, sammelt sich Aktivierung schichtweise an, oft unbemerkt. Man kann sich das wie viele kleine offene Tabs im Hintergrund vorstellen. Jeder einzelne verbraucht wenig Energie. Zusammen werden sie spürbar.

 

Viele hochfunktionale Nervensysteme haben nicht unbedingt mehr einzelne Belastungen, jedoch oft weniger abgeschlossene Belastungen.

 

 

Wenn der Körper vorsorglich reagiert

 

Viele Erfahrungen, die sensible Menschen kennen, lassen sich vor diesem Hintergrund neu verstehen:

 

Schnelle Erschöpfung

Nicht weil zu wenig Kraft vorhanden ist, sondern weil ständig Energie verbraucht wird.

Das Nervensystem arbeitet im Hintergrund weiter.

 

Innere Unruhe

Das Nervensystem bleibt aktiv, auch wenn gerade nichts Dringendes passiert.

Stresshormone halten den Körper in Bereitschaft.

 

Schlafprobleme

Stresshormone wie Cortisol halten den Körper wach, während das Schlafhormon Melatonin in den Hintergrund tritt.

Der Körper findet schwer in echte Ruhe.

 

Rückzugsbedürfnis

Der Körper versucht, weitere Reize zu begrenzen, damit Verarbeitung möglich wird.

Es sind weniger Zeichen von Instabilität, sondern Regulationsversuche eines Systems, das dauerhaft viel verarbeiten muss.

Der Körper versucht, weitere Überlastung zu verhindern.

 

 

Eine andere Frage an Stress

 

Statt zu fragen: „Warum reagiere ich so stark?“ könnte die Frage lauten: „Wie lange war mein System bereits aktiv, ohne wirklich zur Ruhe zu kommen?“

 

Diese Perspektive verschiebt den Fokus weg von Selbstkritik hin zu Verständnis für die eigene innere Logik.

 

Du bist nicht falsch, zu viel, oder zu wenig belastbar!

Dein System braucht nur eine andere „Bedienungsanleitung“.

 

Foto: Privat

 

Wenn Stress ein Zustand des Nervensystems ist, entsteht eine wichtige Frage:

Was passiert, wenn Stress nicht aufhört?

Wie findet ein Nervensystem eigentlich zurück in Regulation?

 

Viele sensible Menschen versuchen, Stress vor allem über den Kopf durch Nachdenken, Analysieren oder Durchhalten zu lösen.

Doch Regulation geschieht nicht nur im Denken.

Sie geschieht im Körper.

 

In den nächsten Teilen geht es deshalb darum, welcher Kreislauf bei anhaltendem Stress aktiviert wird. Wie kann Selbstregulation funktionieren und warum ist sie für fein abgestimmte Nervensysteme kein Luxus ist, sondern eine grundlegende Voraussetzung.

 

Grafik erstellt mit Hilfe von ChatGBT

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