True Colors - Ich vergesse nicht, wer du bist

Veröffentlicht am 2. August 2026 um 21:41

 

Das Radio lief beiläufig.

Eigentlich hörte ich gar nicht wirklich zu. Es war nur ein Hintergrundgeräusch, das unseren Alltag manchmal begleitet. Eine Melodie zwischen all den Gedanken, Aufgaben und Dingen, die erledigt werden wollen.

Dann erklangen die ersten Töne von Cindy Lauper’s „True Colors“.

Ich stand an der Spüle.

Ich hatte gerade einen Teller in der Hand.

Und plötzlich konnte ich nicht weitermachen.

Ich musste mich an die Arbeitsplatte lehnen, weil dieses Lied etwas in mir zusammensetzte, das wochenlang keinen Namen hatte. In den letzten Wochen hat sich etwas in mir verändert.

Ich habe es immer als Liebeslied gehört. Aber heute hörte ich es mit anderen Ohren.

Mein Herz hatte eine neue Geschichte dazu.

Was braucht ein Mensch, wenn er sich selbst sucht? Und was braucht der Mensch, der ihn liebt, um diesen Weg auszuhalten?

„You with the sad eyes, don’t be discouraged.
Oh, I realize it’s hard to take courage…“

Schon beim Intro hatte ich Tränen in den Augen.

Die Worte waren dieselben, der Text hatte sich nicht geändert, aber ich war nicht mehr dieselbe.

 

 

Die wahren Farben eines Menschen sehen

„But I see your true colors shining through…“

Einen Menschen wirklich zu sehen bedeutet nicht, nur seine leuchtenden Farben zu lieben.

Es bedeutet, das ganze Bild auszuhalten, auch die Farben, die gerade nicht sichtbar sind. Und auch die Momente, in denen ein Mensch sich selbst nicht mehr erkennen kann. „Ich sehe nicht nur, was du zeigst. Ich sehe auch das, was du versteckst, weil du glaubst, es sei zu viel.“

 

Dimm dein Licht nicht, damit andere sich wohler fühlen.

Wenn du irgendwann glaubst, du müsstest es doch tun, dann komm nach Hause.

Hier kennt jemand deine wahren Farben.

 

Manchmal beginnen Menschen, ihre Farben zu dimmen, weil sie dazugehören möchten.

Weil der Wunsch nach Verbindung so stark ist, dass sie anfangen, Teile von sich selbst zurückzuhalten: Zu intensiv, zu empfindlich, zu anders.

Sie sind nicht weniger, aber sie werden leiser.  

Von außen kann es so aussehen, als würden sie sich verlieren. In Wirklichkeit geschieht etwas anderes: Sie suchen sich gerade neu.

 

Wenn ein Mensch sich selbst verliert

 “Can't remember when
I last saw you laughing …”

Was passiert mit einem Menschen, wenn er zu lange versucht, jemand anderes zu sein?

Wenn er seine eigenen Bedürfnisse zurückstellt, um nicht aufzufallen?

Wenn er seine Besonderheiten versteckt, um leichter dazuzugehören?

Der Wunsch nach Zugehörigkeit ist eine mächtige Kraft. Er kann Menschen dazu bringen, sich selbst immer weiter zurückzunehmen. Bis sie irgendwann nicht mehr wissen, welche Teile von ihnen wirklich zu ihnen gehören und welche sie nur angenommen haben, um in diese Welt zu passen. Das Verlangen dazuzugehören kann so stark werden, dass wir anfangen, Teile von uns selbst zu verstecken.

Gerade Menschen, die intensiv wahrnehmen, fühlen und denken, bringen oft unglaublich viel Energie auf, um sich anzupassen. Es ist außerordentlich kräftezehrend und erschöpfend.

Von außen kann es wie Rückzug aussehen, wie Verweigerung, oder ein Verlust von Fähigkeiten.

Doch oft ist es ein stiller Prozess, in dem etwas Neues entsteht, eine Transformation.

 

Der Kokon

Der Kokon ist nicht nur eine Geschichte über ein einzelnes Kind. Er ist auch eine Geschichte über eine Gesellschaft, die viele Menschen dazu bringt, sich zu reduzieren.

Wir lernen früh:

Sei nicht zu laut.

Sei nicht zu empfindlich.

Sei nicht zu langsam.

Sei nicht zu intensiv.

Sei nicht zu anders.

Sei passend.

Und irgendwann fragt sich ein Mensch: „Was bleibt eigentlich von mir übrig, wenn ich all das ablege, was andere an mir nicht bequem finden?“

Der Kokon ist kein Fehler der Natur. Er ist ein geschützter Raum der Veränderung.

Eine Raupe zieht sich zurück. Von außen sieht es aus, als würde nichts passieren. Doch im Verborgenen geschieht etwas Entscheidendes.

Etwas wird neu.

 

Vielleicht ist das eine der schwersten Aufgaben für Menschen, die begleiten:

Den Kokon auszuhalten.

 

Nicht hineinzusehen, nicht ungeduldig daran zu ziehen.

Nicht zu versuchen, ihn für den anderen zu öffnen, denn:

Wir können den Kokon nicht für sie öffnen und dürfen es auch nicht. Den Weg der Veränderung geht jeder Mensch selbst.

Wir können nicht für jemanden herausfinden, wer er ist.

Wir können nicht für jemanden wachsen.

Wir können nicht für jemanden seine Flügel entwickeln. Der Widerstand der Hülle ist Teil des Werdens. Es entsteht jemand, der nie entstanden wäre, wenn er nicht durch diesen Kokon gegangen wäre.

Unsere Aufgabe ist nicht, den Weg zu ebnen. Unsere Aufgabe ist, da zu sein, während ein anderer Mensch seinen Weg geht.

 

 

Die schwierigste Form der Liebe: Vertrauen

„ And that's why I love you …”
 

Liebe möchte schützen, das ist ihr natürlicher Impuls. Wenn ein Mensch, den wir lieben, leidet, möchten wir die Last wegnehmen und Hindernisse aus dem Weg räumen.

Farben werden manchmal übermalt, aber irgendwann beginnt die mühsame Arbeit, Schicht für Schicht wieder freizulegen. Tief verschüttet unter Anpassung, Erschöpfung oder dem Wunsch, endlich nicht mehr aufzufallen. Aber Farben verschwinden nicht einfach.

Nicht das Festhalten ist schwer. Festhalten ist der natürliche Impuls, wenn jemand, den man liebt, ins Wanken gerät. Der Körper will schützen, die Arme wollen auffangen,

das Herz will sagen: „Ich nehme dir das ab.“

 

Doch manchmal ist die tiefste Form der Liebe etwas anderes:

Vertrauen, obwohl man Angst hat. Vertrauen, obwohl man den Weg nicht kennt.

 

Die Aufgabe des Menschen, der liebt, ist es nicht, die Farben des anderen zu verändern, sondern sie auszuhalten.

„Ich halte deine Intensität aus, denn ich liebe dich.“

„Ich vergesse nicht, wer du bist, während du dich gerade selbst nicht fühlen kannst.“

„Ich verhindere nicht, dass du fällst, aber ich sorge dafür, dass du nicht alleine fällst.“

Denn Vertrauen bedeutet manchmal ganz schlicht:

Ich bleibe.

Ich gehe nicht weg.

Aber ich nehme dir deinen Weg nicht ab.

 

Der Schmetterling sitzt noch auf dem Stängel

Viele Menschen glauben, dass nach einer schweren Zeit alles schnell wieder funktionieren muss, dass nach einer Krise sofort wieder Leistung, Freude und Leichtigkeit zurückkehren sollten.

Aber ein Schmetterling fliegt nicht in der Sekunde los, in der er den Kokon verlässt. Erst klettert er, mit den noch feuchten und gefalteten Flügeln, auf einen Stängel, um sich auszuruhen.

Er braucht Zeit. Seine Flügel müssen sich entfalten.

Sie müssen trocknen.

Er muss Kraft sammeln.

Der Schmetterling sitzt auf einem Stängel. Die Flügel sind noch zerknittert, noch nicht bereit für den Flug. Und das ist in Ordnung.

Er weiß noch gar nicht, welche Farben in ihm leuchten, wohin seine Flügel ihn tragen werden, aber sie sind da.

Sie waren die ganze Zeit da.

So wird der Schmetterling jemand, den er selbst noch gar nicht kennt.

Es ist ein Übergang, der für beide Seiten schwer ist: Für das Kind, weil es herausfinden muss, wer es ist, wenn es nicht mehr versucht, in fremde Formen zu passen. Und für dich, als Vater oder Mutter, weil du lernen musst, ihrer Kraft zu vertrauen, obwohl du ihre Verletzlichkeit kennst.

Nicht derjenige zu sein, der jeden Sturz verhindert, sondern derjenige, deren Liebe so sicher ist, dass das Kind den Mut findet, aufzustehen.

 

Jenseits von Begriffen

Manche Kinder erleben die Welt intensiver. Ob wir es Hochbegabung, Hochsensibilität oder Neurodivergenz nennen, ist für diesen Moment fast nebensächlich.

Vielleicht werden wir in Zukunft noch andere Worte finden. Doch hinter jedem Begriff steht zuerst ein Mensch. Ein Mensch mit einer eigenen Wahrnehmung, einer eigenen Art, die Welt zu erleben, einer eigenen Geschichte.

Entscheidend ist etwas anderes: Wer intensiver fühlt, braucht keinen kleineren Platz, sondern einen sicheren. Einen Raum, in dem sie ihre Farben nicht verstecken müssen.

“If this world makes you crazy
You've taken all you can bear …”

 

True Colors

Der Schmetterling sitzt noch immer auf seinem Stängel.

Er ruht.

Er wächst.

Er wird.

Vielleicht kennt er seine Farben noch nicht.

Vielleicht weiß er noch nicht, wohin seine Flügel ihn tragen werden.

Aber ich weiß eines.

Seine Farben waren die ganze Zeit da.

Auch in den Momenten, in denen sie niemand sehen konnte.

Auch in den Momenten, in denen er selbst sie vergessen hatte.

Ich vergesse nicht, wer du bist, während du dich selbst gerade nicht fühlen kannst.

 

"So don't be afraid to let them show..."

 

 

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