Kinder können wie Rosen sein.
Sie wachsen mal langsam, mal schnell und manchmal über sich hinaus. Sie können Stacheln haben. Kinder blühen auf, wenn für sie die Sonne scheint und sie gut versorgt sind. Aber sie können ihre Köpfe auch hängen lassen, wenn etwas in ihrer Umgebung nicht passt.
Können Rosen sprechen?
Der kleine Prinz hätte diese Frage vermutlich ziemlich merkwürdig gefunden.
Natürlich können Rosen sprechen.
Seine Rose hatte ihm schließlich einiges zu sagen. Nur musste er erst lernen, sie zu verstehen.
Mit Kindern ist es gar nicht so anders. Sie sagen uns viel, nur eben nicht immer mit Worten.
„Ich verstehe mein Kind nicht mehr.“
Eine Mutter sitzt mir gegenüber. Sie sieht müde aus.
Ihre Tochter war fröhlich in den Kindergarten gestartet. Sie sprang morgens aus dem Bett, freute sich auf ihre Erzieherinnen und Freunde und erzählte auf dem Heimweg begeistert von ihrem Tag.
Dann veränderte sich etwas, zuerst nicht spektakulär, eher leise.
Das Mädchen begann morgens zu trödeln. Noch etwas erzählen. Schnell noch etwas suchen. Einmal noch ins Kinderzimmer. Aus entspannten Morgen wurden hektische Starts.
Sie schlief schlechter, bekam Bauchschmerzen. Erst morgens, später auch nachts und besonders dann, wenn der Kindergarten näher rückte.
Beim Abschied weinte sie und klammerte sich an ihre Mutter. „Nur eine Phase“, sagte die Erzieherin. Die Mutter wartete. Sie redete ihrer Tochter gut zu und versuchte, die Morgen ruhiger zu gestalten, aber die Phase ging nicht vorbei.
Irgendwann wollte das Mädchen im Kindergarten nicht mehr essen. „Du musst doch wenigstens ein bisschen essen. Nur ein paar Bissen. Komm, probier doch wenigstens.“
Alle wollten helfen, die Mutter, der Vater, die Erzieherinnen.
Aber der Druck wurde immer größer.
Das ganze System war angespannt.
Wenn ich heute auf diese Geschichte schaue, erkenne ich eine Sprache, die wir Erwachsenen erst nach und nach übersetzen konnten.
Das Kind hatte die ganze Zeit gesprochen, nur ohne Worte:
Trödeln
Schlecht schlafen
Bauchschmerzen
Weinen
Festhalten
Nicht mehr essen
Die Signale kamen leise und wurden immer lauter. Das Mädchen war nicht „schwierig“ geworden. Sie versuchte, etwas mitzuteilen. Kinder haben nicht immer die Worte für das, was in ihnen passiert.
Sie sagen nicht: „Die vielen Geräusche und Eindrücke sind mir heute zu viel.“
Sie sagen: „Ich will nach Hause.“
Sie sagen nicht: „Ich bin nach diesem langen Tag völlig erschöpft.“ Wir sehen es an ihren müden Augen.
Sie sagen nicht: „Ich bin so angespannt, dass ich gar nicht weiß, wohin mit mir.“ Wir sehen einen kleinen Körper, der ganz fest geworden ist.
Manchmal sprechen Kinder mit ihren Augen, ihrem Körper, mit Tränen, Rückzug, Wut, mit ihrem Verhalten. Und manchmal sagen sie überhaupt nichts.
Eine Sprache, die wir lernen können
Im Alltag erleben wir selten die ganze Geschichte auf einmal. Wir sehen einen schwierigen Morgen, eine schlechte Nacht. Ein Kind, das heute nichts essen möchte, Rückzug, der uns seit einigen Tagen auffällt. Nicht jedes einzelne Verhalten erzählt uns, was mit einem Kind los ist. Aber eine Veränderung darf uns aufmerksam machen.
Was ist passiert, wenn das Kind, das früher begeistert erzählt hat, plötzlich kaum noch etwas sagt?
Wenn das Kind, das morgens voller Vorfreude in den Kindergarten ging, plötzlich weint?
Wenn es früher voller Energie war und nun ständig müde wirkt?
Der erste Schritt ist nicht immer eine Erklärung, es ist einfach die Feststellung:
Da hat sich etwas verändert.
Fragen wir: „Was möchte mir dieses Kind erzählen? Was versucht es mir zu zeigen?“, dann können wir den Gedanken loslassen: „Was hat dieses Kind schon wieder?“
Der Fuchs
Der kleine Prinz hätte den Fuchs nicht verstanden, wenn er ihn nur einmal von Weitem betrachtet hätte.
Ein Fuchs
Vier Beine
Fell
Schwanz
Vielleicht hätte er sogar sagen können: „Der sieht aber ängstlich aus.“
Aber hätte er ihn damit verstanden? Der kleine Prinz verbrachte Zeit mit ihm. Er machte sich mit ihm vertraut. Er lernte, ihn wirklich zu sehen.
Darin liegt etwas, das wir bei Kindern manchmal vergessen: Wir können ein Kind den ganzen Tag sehen und es trotzdem nicht sehen.
Wir wissen, dass es heute getrödelt hat. Aber wissen wir auch, wie es sonst morgens ist?
Wir sehen, dass es heute nicht mitgegessen hat. Aber wissen wir, ob es überhaupt noch Appetit hat, wenn es ihm gut geht?
Wir erleben seine Wut. Aber kennen wir auch das Kind hinter dieser Wut?
Verstehen beginnt mit Beziehung, mit Nähe, Aufmerksamkeit und mit einem zweiten Blick, der nicht sofort bewertet, sondern verstehen möchte.
Eine Brücke
Was wäre, wenn wir nicht sofort versuchen, das Verhalten wegzubekommen? Wenn wir zuerst übersetzen?
„Du siehst heute ganz müde aus.“ Das ist keine fertige Lösung, es ist eine Einladung.
Das Kind sagt vielleicht:
„Ja.“
Oder:
„Nein.“
Oder gar nichts.
Aber es hat gerade etwas erlebt:
Da hat jemand etwas von mir bemerkt.
Ein Kind muss seine Not nicht erst lauter machen. Es muss nicht erst weinen, sich festklammern oder krank werden, damit jemand aufmerksam wird. Wir können früher anfangen zuzuhören.
Jedes Gefühl darf sein.
Wut darf da sein.
Trauer darf da sein.
Angst darf da sein.
Ein Kind, das weint, braucht nicht immer jemanden, der seine Tränen beendet, aber es braucht es jemanden, der bleibt.
„Du siehst traurig aus.“
Pause.
„Vermisst du deine Mama?“
Und dann vielleicht nur: „Das kann ich gut verstehen.“
Ich sehe dich.
Mehr müssen wir in diesem Moment nicht tun, und wir müssen auch nicht sofort wissen, was zu tun ist.
Auch große Kinder sprechen, das hört nicht mit dem Kindergartenalter auf.
Auch Jugendliche können manchmal völlig neben sich stehen. Sie erleben Gefühle, für die ihnen selbst die Worte fehlen.
„Was ist denn jetzt schon wieder mit dir los?“, schließt Türen.
„Du bist gerade richtig wütend, oder? Was macht dich gerade so wütend?“, kann ein Türöffner sein,
Wir finden nicht immer die richtigen Worte, aber ein junger Mensch spürt:
Da versucht jemand, mich zu verstehen.
Genau das ist der Unterschied zwischen einem Blick, der verändern möchte und einem Blick, der verstehen möchte.
"Jemand sieht meine Not. Ich bin nicht allein", verändert sich für das Kind alles.
Der Druck lässt nach, die Abwehr kann weicher werden. Der innere Kampf muss nicht mehr ganz allein geführt werden.
Wir bauen eine Brücke. Auf dieser Brücke kann wieder Beziehung entstehen durch Vertrauen, Nähe und Sicherheit.
Zurück zur Rose
Ich denke noch einmal an das Mädchen vom Anfang.
An die fröhliche Kindergartenanfängerin, die morgens aus dem Bett sprang. An ihre Begeisterung auf dem Heimweg und dann an das Kind, das irgendwann nicht mehr essen wollte.
Keiner dieser Erwachsenen wollte sie übersehen, alle wollten helfen. Wir brauchen keine Schuldigen, sondern einen wachen Blick, der sich traut, eine Situation noch einmal anders anzuschauen.
Einen Blick mit dem Herzen: „Ich sehe, dass etwas anders ist. Erzählst du mir davon?“
Der kleine Prinz musste lernen, seine Rose zu verstehen.
Die Rose war nicht perfekt, sie hatte Stacheln und war empfindlich, manchmal auch widersprüchlich. Aber sie war ihm wichtig. Er musste lernen, ihre Stacheln nicht mit ihrer ganzen Person zu verwechseln.
Für mich ist das eine der schönsten Aufgaben, die wir Erwachsenen mit Kindern haben:
Wir müssen nicht immer alles sofort wissen.
Wir müssen nicht jedes Verhalten sofort verändern wollen.
Wir dürfen neugierig bleiben auf das kleine Wesen, das da vor uns wächst.
Wir können nicht für unsere Kinder wachsen.
Wir können nicht für sie fühlen.
Wir können ihnen ihren Weg nicht abnehmen.
Aber wir können da sein.
Wir können hinsehen.
Wir können zuhören.
Wir können lernen, ihre Sprache zu verstehen.
Können Rosen sprechen?
Natürlich können sie, wenn wir lernen hinzuhören.
Ein Kind muss nicht auffallen, damit es Aufmerksamkeit verdient. Es muss seine Not nicht erst laut machen.
Manchmal liegt die größte Not genau dort, wo es besonders still geworden ist.
Hinsehen beginnt mit einer ganz einfachen Frage:
Was hat sich verändert?
Und einer zweiten:
Was erzählt mir dieses Kind gerade?
Nicht jedes Rätsel lässt sich sofort lösen, aber jedes Kind will gesehen werden.
Man sieht nur mit dem Herzen gut.
Das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar.
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