Können Rosen sprechen? „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar.“ Antoine de Saint-Exupéry

Veröffentlicht am 22. August 2026 um 17:19

 

Kinder können wie Rosen sein.

Sie wachsen mal langsam, mal schnell und manchmal über sich hinaus. Sie können Stacheln haben und sie können aufblühen, wenn für sie die Sonne scheint und sie wohlgenährt sind.

Aber sie können auch ihre Köpfe hängen lassen und verblühen, wenn etwas in ihrer Umgebung nicht passt.

Können Rosen sprechen? Der kleine Prinz hätte diese Frage vermutlich ziemlich merkwürdig gefunden.

Natürlich können Rosen sprechen!

Seine Rose hatte ihm schließlich einiges zu sagen. Nur musste er erst lernen, sie zu verstehen.

Mit Kindern ist es gar nicht so anders. Sie sagen uns viel, nur eben nicht immer mit Worten.

 

 

„Ich verstehe mein Kind nicht mehr.“

Eine Mutter sitzt mir gegenüber. Sie sieht müde aus.

Es ist eine Erschöpfung, die entsteht, wenn du als Mutter immer wieder versuchst, etwas richtig zu machen und trotzdem immer stärker das Gefühl bekommst, deinem eigenen Kind nicht helfen zu können.

 

Dabei hatte alles so gut angefangen:

Ihre Tochter war morgens aus dem Bett gesprungen, noch bevor der Wecker klingeln konnte. Endlich wieder Kindergarten!

Das Mädchen hatte sich auf ihre Erzieherinnen gefreut, Freundschaften geschlossen, gemalt, gebastelt und gespielt. Die Eingewöhnung war unkompliziert gewesen. Immer auf dem Heimweg hatte sie ihrer Mutter voller Begeisterung erzählt, was sie an diesem Tag erlebt hatte.

 

So war das gewesen, bis sich etwas veränderte. Es geschah nicht mit einem großen Knall, sondern begann ganz unscheinbar:

Morgens trödelte das Kind ein bisschen länger beim Anziehen. Nochmal ins Kinderzimmer, noch etwas ganz Wichtiges erzählen, noch schnell etwas suchen… Nach ein paar Tagen wurde die Mutter ungeduldig. Sie musste zur Arbeit und kam immer häufiger in Zeitnot. „Nun mach bitte! Wir müssen los! Musst du denn immer so trödeln?“

Aus entspannten Morgen wurden hektische Starts in den Tag und auch die Abende wurden immer schwieriger. Das Kind wollte nicht mehr einschlafen, schlief nicht mehr durch und erzählte von schlechten Träumen. Dann kamen die Bauchschmerzen, zuerst morgens, dann auch nachts und immer häufiger genau dann, wenn der Kindergarten näher rückte.

Natürlich machte sich die Mutter Sorgen. Sie ging mit ihrer Tochter zum Kinderarzt. Die Bauchschmerzen wurden medizinisch abgeklärt. Eine körperliche Ursache ließ sich nicht finden. Aber die Bauchschmerzen blieben.

Irgendwann blieb auch das Weinen nicht mehr aus. Morgens, wenn es Zeit war, sich zu verabschieden, klammerte sich das Mädchen an ihre Mutter. Es wollte die Mama nicht mehr gehen lassen. Die Verabschiedung, die früher so selbstverständlich gewesen war, wurde zu einem kleinen Drama.

„Nur eine Phase“, sagte die Erzieherin. Viele Kinder haben solche Phasen. Die Mutter hoffte, dass die Erzieherin recht hatte. Also wartete sie ab. Sie versuchte geduldig zu sein, redete ihrer Tochter gut zu, erklärte, dass sie bald wiederkommen würde. Sie versuchte, den Morgen möglichst ruhig zu gestalten.

Aber die Phase ging nicht vorbei, ganz im Gegenteil, sie wurde schlimmer. Abends, wenn der Vater nach Hause kam, fragte er: „Wie war es heute?“ Immer häufiger bekam er dieselbe Antwort: „Anstrengend.“

Der Druck des Tages bahnte sich seinen Weg in Form von Tränen, bei der Mutter ebenso wie bei der Tochter. Der Ärger auf der Arbeit, weil sie immer wieder zu spät kam. Das schlechte Gefühl, ihr Kind weinend in der Kita zurücklassen zu müssen. Die Sehnsucht nach der unbeschwerten, fröhlichen Tochter, die früher voller Tatendrang in den Tag gestartet war.

Wie konnten sie ihrem Kind helfen?

 

Irgendwann hörte das Mädchen im Kindergarten auf zu essen, kein Appetit auf das Mittagessen. Bald auch nicht mehr auf das liebevoll zubereitete Frühstück aus der  Butterbrotdose.

„Du musst doch wenigstens ein bisschen essen.“

„Nur ein paar Bissen.“

„Komm, probier doch wenigstens.“

Die Erzieherinnen versuchten, sie zum Essen zu bewegen. Auch sie waren nun immer mehr besorgt und wollten helfen. Doch je mehr sie versuchten, desto größer schien der Druck zu werden.

Inzwischen war das ganze System angespannt.

Das Kind

Die Mutter

Der Vater

Die Erzieherinnen

Alle wollten helfen. Alle wollten, dass es dem Mädchen wieder gut ging und trotzdem ging es ihm schlechter.

Aus einer Phase war eine Krise geworden.

 

 

Wenn ich heute auf diese Geschichte schaue, wirkt sie fast wie eine Sprache, die wir Erwachsenen erst nach und nach hätten übersetzen können.

Das Kind hatte die ganze Zeit gesprochen, ohne Worte.

Jeden Morgen ein bisschen getrödelt

Nachts schlecht geschlafen

Bauchschmerzen bekommen

Geweint

Sich an ihre Mutter geklammert

Irgendwann aufgehört in der Kita zu essen

Ihre Signale kamen schleichend und wurden immer lauter

Das Kind war nicht „schwierig“ geworden, es versuchte, uns etwas mitzuteilen.

 

Kinder haben nicht immer die Worte für das, was in ihnen passiert. Oftmals sagen sie nichts, dann sprechen ihre Augen, ihre Körper, Rückzug, Tränen und ihr Verhalten.

Sie sagen nicht: „Die vielen Geräusche haben mich heute überfordert.“ Sie sagen: „Ich will nach Hause.“

Sie sagen nicht: „Ich bin nach diesem langen Tag völlig erschöpft.“, wir sehen es an ihren müden Augen.

Sie sagen nicht: „Ich bin gerade so angespannt, dass ich gar nicht weiß, wohin mit mir.“, wir sehen einen kleinen Körper, der ganz fest geworden ist.

 

Wir können lernen, diese Sprache zu verstehen.

Im Alltag erleben wir selten die ganze Geschichte auf einmal. Wir sehen einen schwierigen Morgen, eine schlechte Nacht. Ein Kind, das heute nichts essen möchte, einen Rückzug, der uns seit einigen Tagen auffällt. Nicht jedes einzelne Verhalten erzählt uns, was mit einem Kind los ist, aber eine Veränderung darf uns aufmerksam machen.

Was ist passiert, wenn das Kind, das früher begeistert erzählt hat, plötzlich kaum noch etwas sagt? Wenn das Kind, das morgens voller Vorfreude in den Kindergarten ging, plötzlich weint? Wenn es früher voller Energie war und nun ständig müde wirkt?

Es lohnt sich ein Blick, der nicht sofort eine Erklärung sucht, sondern zunächst feststellt:

Da hat sich etwas verändert.

Eine Frage, die wir uns selbst stellen können:

„Wie warst du eigentlich früher und was ist jetzt anders?“

Und dann:

„Was möchte mir dieses Kind sagen, wenn ich anfange zu übersetzen?“

 

Der kleine Prinz hätte den Fuchs nicht verstanden, wenn er ihn nur einmal von Weitem betrachtet hätte.

Ein Fuchs

Vier Beine

Fell

Schwanz

Vielleicht hätte er sogar sagen können: „Der sieht aber ängstlich aus.“

Aber hätte er ihn damit verstanden? Der kleine Prinz verbrachte Zeit mit ihm. Er machte sich mit ihm vertraut. Er lernte, ihn wirklich zu sehen.

Darin liegt etwas, das wir bei Kindern manchmal vergessen:

Wir können ein Kind den ganzen Tag sehen und es trotzdem nicht sehen.

Wir wissen, dass es heute getrödelt hat, aber wissen wir auch, wie es sonst morgens ist?

Wir wissen, dass es heute nicht mitgegessen hat, aber wissen wir, ob es Appetit hat, wenn es ihm gut geht?

Wir wissen, dass es wütend geworden ist, aber kennen wir auch das Kind hinter dieser Wut?

Verstehen beginnt nicht immer mit einer Erklärung, sondern mit Beziehung, mit Nähe, mit Aufmerksamkeit und mit einem zweiten Blick, der nicht bewertet, sondern versucht zu sehen.

 

Wie wir eine Brücke bauen können

Uns fehlt zuweilen die Erklärung für plötzliches Weinen, Rückzug, Verweigerung oder Wutausbrüche. Während wir nach Antworten suchen, wird die Not des Kindes größer.

Wir fühlen uns hilflos. Das Kind fühlt sich hilflos. Dabei wollen wir nichts sehnlicher, als ihm zu helfen.

Es gibt eine erstaunlich einfache Möglichkeit, zunächst einmal Druck aus diesem System zu nehmen.

Es sind kleine Sätze, ein Blick, aufrichtiges Zuhören und auf einmal ist da jemand, der bemerkt hat, dass da etwas nicht stimmt.

Das Kind muss seine Not nicht erst lauter machen. Es muss nicht weinen, muss sich nicht an die Mama klammern und es muss nicht erst krank werden, denn es fühlt sich nicht mehr alleine und hilflos.

 

Wir können früher anfangen zuzuhören:

„Ich sehe, dass deine Augen ganz müde aussehen. Bist du müde? Was hat dich heute so angestrengt?“

 

„Du siehst gerade ganz angespannt aus. Bist du wütend? Hast du dich geärgert? Worüber ärgerst du dich gerade?“

 

„Du hast noch gar nichts gegessen. Hast du keinen Hunger? Schmeckt es dir nicht? Soll ich mich zu dir setzen?“

Das sind keine fertigen Lösungen. Es sind Einladungen und eine Tür, die sich öffnet.

 

Was wäre, wenn wir nicht sofort versuchen würden, das Verhalten wegzubekommen? Wenn wir dem Kind zuerst eine Sprache geben?

„Du siehst heute ganz müde aus.“

Das Kind sagt:

„Ja.“

Aber vielleicht auch

„Nein.“

Oder es sagt gar nichts.

Aber es hat gerade etwas erlebt:

Da hat jemand etwas von mir bemerkt.

Aus einem allein kämpfenden Kind kann in diesem Moment wieder ein Kind werden, das nicht mehr ganz allein kämpfen muss.

 

Wahrscheinlich wird die Wut dadurch nicht sofort kleiner. Vielleicht fließen sogar erst einmal noch mehr Tränen.

Das ist in Ordnung, denn Gefühle müssen nicht verschwinden, damit es einem Kind besser geht.

Wut darf da sein.

Trauer darf da sein.

Angst darf da sein.

Ein Kind, das weint, braucht nicht immer jemanden, der seine Tränen beendet. Manchmal braucht es jemanden, der bei ihm bleibt, bis die Tränen geflossen sind.

„Du siehst traurig aus.“

 

„Vermisst du deine Mama?“

 

„Das kann ich gut verstehen.“

 

Ich sehe dich.

 

Mehr müssen wir in diesem Moment nicht tun und auch erstmal nicht wissen.

 

Auch große Kinder brauchen diese Brücke

Das hört nicht mit dem Kindergartenalter auf. Auch Teenager können manchmal völlig neben sich stehen. Sie finden sich gerade neu. Sie erleben ein Gefühlschaos, für das ihnen selbst die Worte fehlen.

Wenn dann ein Erwachsener sagt: Du bist gerade richtig wütend, oder? Du siehst so angespannt aus. Was macht dich gerade so wütend?“

kann das etwas ganz anderes auslösen als: „Was ist denn jetzt schon wieder mit dir los?“

Der eine Satz öffnet eine Tür, während er andere sie zuschlagen kann.

 

Wir finden nicht immer die richtigen Worte, aber ein junger Mensch spürt:

Da versucht jemand, mich zu verstehen.

Kein Verurteilen, keine Kritik, nichts wegmachen wollen, nicht sofort reparieren.

Nur verstehen.

 

Wenn wir erst reagieren, wenn ein Kind nicht mehr essen möchte, ist die Not bereits sehr sichtbar geworden.

Unsere Möglichkeit zu helfen beginnt bereits früher:

Bei einem Kind, das plötzlich nicht mehr so gerne kommt.

Bei einem Kind, das morgens auf einmal länger braucht.

Bei einem Kind, das nicht mehr erzählt.

Bei einem Kind, das sich immer häufiger zurückzieht.

Das bedeutet nicht, dass jedes dieser Zeichen eine Krise ankündigt, aber eine Veränderung darf uns hellhörig machen.

Was ist los? und noch wichtiger: Was erzählt es mir gerade?

Weniger im Sinne von: Was hat dieses Kind schon wieder?

Eher: Was möchte dieses Kind mir zeigen?

Wir müssen es nicht erraten. Wir können fragen, beobachten, zuhören. Manchmal reicht das für den ersten Schritt, denn in dem Moment, in dem ein Kind spürt:

„Jemand sieht meine Not. Ich bin nicht allein. Jemand versucht, mich zu verstehen.“ verändert sich für das Kind alles.

Der Druck kann nachlassen. Die Abwehr kann weicher werden. Der Kampf muss nicht mehr ganz allein geführt werden.

Wir bauen eine Brücke. Auf dieser Brücke kann wieder Beziehung entstehen durch Vertrauen, Nähe und Sicherheit.

 

 

Zurück zur Rose

Ich denke noch einmal an das Mädchen vom Anfang unserer Geschichte.

An die fröhliche Kindergartenanfängerin, die morgens aus dem Bett sprang. An ihre Begeisterung auf dem Heimweg und dann an das Mädchen, das irgendwann nicht mehr essen wollte. Keiner dieser Erwachsenen wollte sie übersehen. Alle wollten, dass es ihr wieder gut geht.

Wir brauchen niemanden, der sich schuldig fühlt, keine Schuldigen. Wir brauchen einen wachen Blick, der sich traut, eine Situation noch einmal anders anzuschauen.

Einen Blick mit dem Herzen:

„Was braucht dieses Kind, damit es sich wieder wohlfühlen kann?

Ich sehe, dass etwas anders ist. Erzählst du mir davon?“

 

Der kleine Prinz musste lernen, seine Rose zu verstehen.

Die Rose war nicht perfekt, aber sie war ihm wichtig.

Er durfte lernen, ihre Stacheln nicht mit ihrer ganzen Person zu verwechseln.

Er durfte auch lernen, dass hinter ihrer Schönheit, ihrer Empfindlichkeit und ihren Widersprüchen etwas war, das gesehen werden wollte.

 

Das ist möglicherweise eine der schönsten Aufgaben, die wir Erwachsenen mit Kindern haben:

Wir müssen nicht immer alles sofort wissen.

Wir müssen nicht jedes Verhalten sofort verändern wollen.

Wir dürfen neugierig bleiben auf das kleine Wesen, das da vor uns wächst.

Denn:

Wir können nicht für unsere Kinder wachsen.

Wir können nicht für sie fühlen.

Wir können ihnen ihren Weg nicht abnehmen.

Aber wir können da sein.

Wir können hinsehen.

Wir können zuhören.

Wir können lernen, ihre Sprache zu verstehen.

 

Können Rosen sprechen?

Natürlich können sie!

Wir müssen nur lernen, hinzuhören.

 Manchmal ist die größte Not genau dort, wo es besonders still geworden ist.

 

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar.“

 

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