Pippi Langstrumpf und Michel aus Lönneberga sind wahrscheinlich bis in die Generation der Großeltern bekannt. Zwei Kinder aus Astrid Lindgrens Ferder, die ihre Welt auf ihre ganz eigene Weise betrachteten.
Pippi war stark, mutig und unerschrocken.
Sie hatte vor Erwachsenen und ihren Regeln erstaunlich wenig Respekt, dafür umso mehr Vertrauen in die eigenen Ideen. Wenn ein Problem auftauchte, dachte Pippi nicht lange darüber nach, ob es eine passende Lösung dafür gab. Sie erfand einfach eine. Was in den Augen der Erwachsenen manchmal völlig absurd erschien, war für Pippi die Lösung schlechthin.
Und das Bemerkenswerte daran war: Sie meinte es gut.
Pippi wollte helfen, sie wollte Probleme lösen und gerecht sein. Sie wollte das Leben ein bisschen leichter, lustiger oder spannender machen. Nur verstanden die Erwachsenen ihre Lösungen nicht immer.
Pippis größte Stärke sehe ich in ihrer Selbstwirksamkeit. Sie geht nicht zuerst davon aus: „Das darf ich nicht.“. Sie fragt: „Wie könnte ich das lösen?“
Pippi könnte ich mir heute als Erfinderin oder Gründerin eines ziemlich ungewöhnlichen Unternehmens vorstellen, allerdings eine, die ihre Meetings nach spätestens zehn Minuten ins Grüne verlegt. Aber besonders interessant fände ich sie als Problemlöserin. Man könnte ihr ein scheinbar unlösbares Problem geben und sagen: „Pippi, wir wissen nicht, wie das gehen soll.“ Für Pippi wäre genau das die Herausforderung. Sie würde vermutlich antworten: „Dann müssen wir uns eben etwas ausdenken.“
Michel war anders.
Auch er hatte ständig Ideen, nur führten diese erstaunlich häufig zu Situationen, in denen die Erwachsenen verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammenschlugen. Dabei wollte Michel nie etwas Böses, im Gegenteil, er hatte etwas Gutes im Sinn. Doch am Ende kam trotzdem alles anders als er dachte. Von den Nebenwirkungen seiner Ideen war er oft genug selbst überrascht.
Er ist ein Kind mit einem enormen Handlungsimpuls und einer ausgeprägten Fähigkeit, Zusammenhänge zu sehen, aber mit noch nicht ausgereiften Möglichkeiten, die Konsequenzen seines Handelns einzuschätzen.
Er denkt: Problem → Idee → Handlung.
Die Erwachsenen sehen dagegen: Handlung → Schaden → Ärger.
Immer wieder landete Michel im Schuppen.
Zunächst war der Schuppen ein Ort der Strafe.
Doch dann zeigte der Knecht Alfred Michel das Schnitzen. So wurde aus der Strafe ein Rückzugsort. Aus Ärger wurde etwas, das Michel mit den Händen tun konnte und dann geschah etwas Entscheidendes: Michel ging selbst in den Schuppen. Wenn wieder einmal entdeckt wurde, was er angestellt hatte, flitzte er hinein und schloss die Tür von innen.
Er schloss sich nicht ein, er schloss den Ärger aus.
Der Schuppen hatte seine Bedeutung verändert. Er entdeckte, dass er in Ruhe seine Gedanken wieder sortieren konnte und er hatte sein Talent fürs Schnitzen entdeckt.
Im Schuppen bekommt Michel völlig unbeabsichtigt den Raum, den sein Gehirn braucht. Plötzlich wird aus dem „Jungen, der immer etwas anstellt“ ein Gestalter.
Michel kann ich mir heute gut in einer Werkstatt, als Konstrukteur oder Tüftler vorstellen, der mit einem „Ich hab da mal was ausprobiert“ für kurze Schnappatmung sorgt und zwei Stunden später einen funktionierenden Prototypen auf den Tisch stellt.
Wenn ich mir beide Kinder heute vorstelle, sehe ich sie allerdings nicht in einer Schule sitzen
Pippi wäre niemals freiwillig in einem Schuppen geblieben. Sie hätte etwas ganz anderes gebraucht. Pippi wäre aufs Pferd gestiegen, hätte etwas ausprobiert, oder eine neue, völlig absurde Lösung erfunden.
Michel ging nach innen. Pippi ging nach draußen.
Zwei Kinder, zwei ganz unterschiedliche Wege.
Trotzdem hatten beide etwas gemeinsam: Sie handelten aus ihrer eigenen inneren Logik heraus. Genau dort lag das Missverständnis: Die Erwachsenen sahen das Ergebnis. Pippi und Michel wussten hingegen, warum sie es taten.
Hier kommt mir das Bild der drei Kinder hinterm Bretterzaun in den Sinn.
Drei Kinder stehen hinter einem Zaun, sie möchten sehen, was auf der anderen Seite ist. Alle drei bekommen eine gleich große Kiste. Das größte Kind braucht die Kiste gar nicht. Das mittlere steigt darauf und kann nun über den Zaun schauen. Das kleinste steigt ebenfalls auf seine Kiste und sieht immer noch nichts.
Alle haben dasselbe bekommen, aber nur zwei können sehen.
Was wäre, wenn das kleinste Kind zwei Kisten bekäme? Dann wäre die Verteilung nicht mehr gleich, aber wäre sie deshalb ungerecht? Gerechtigkeit bedeutet nicht, allen dieselbe Unterstützung zu geben.
Gerechtigkeit bedeutet, den Menschen so gut kennenzulernen, dass man herausfinden kann, welche Unterstützung für ihn tatsächlich Unterstützung ist.
Pippi hätte gar keine Kiste gebraucht, sie wäre mit Konrad Spezialkleber über den Zaun geklettert.
Michel hätte vielleicht eine Kiste gebraucht, oder ein Stück Holz und ein Schnitzmesser.
Michel braucht manchmal einen Raum, in den er sich zurückziehen kann.
Pippi braucht einen Raum, in dem sie handeln kann.
Für jemanden, der Wert auf Gleichbehandlung legt ist beides eine Extrawurst.
Warum darf der eine etwas anderes?
Warum bekommt der eine mehr?
Warum darf der eine sich zurückziehen, während der andere loszieht?
Warum muss das bei Michel anders sein als bei Pippi?
Menschen sind nicht gleich.
Der eine braucht eine Kiste, der andere zwei, der dritte braucht überhaupt keine. Das Ziel ist gar nicht, dass jeder gleich viele Kisten hat.
Das Ziel ist, dass jeder über den Zaun sehen kann.
Eine spannende Frage bei Pippi und Michel wäre: Was wäre geschehen, wenn jemand verstanden hätte, was hinter ihren Aktionen steckte und nicht, wie man sie dazu bringen könnte, sich besser anzupassen.
Der liebevolle Blick verändert nicht das Kind.
Er verändert das, was wir in ihm sehen.
Hätte jemand die gute Absicht, die eigene Logik, die besondere Art, die Welt zu betrachten gesehen, dann wäre aus manchem Ärger eine Fähigkeit geworden und aus mancher „Extrawurst“ eine passende Möglichkeit.
„Ich sehe, was du erreichen wolltest. Und jetzt schauen wir gemeinsam, was dabei schiefgegangen ist und was du brauchst, um das Problem zu lösen.“
Die Kiste kann man beliebig austauschen. Mal ist sie ein Schuppen, ein Pferd, ein bisschen mehr Freiheit, oder einfach ein Mensch, der lange genug hinschaut und sich fragt: „Was wollte dieses Kind eigentlich erreichen?“
Wollen wir wirklich, dass alle dieselbe Kiste bekommen?
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