In meinem Blog über Inklusion à la Pippi und Michel habe ich meine Art beschrieben, auf Kinder zu schauen, von denen sich Erwachsene oft herausgefordert fühle.
Das hat zu vielen Fragen geführt:
Was meinst du mit „liebevollem Blick“?
Wie soll das funktionieren, wenn ich mich durch mein Kind belastet fühle?
Wie kann ich dann noch das Positive in meinem Kind sehen?
Ich verstehe diese Fragen sehr gut. Denn das belastende Gefühl, wenn der Alltag mit einem Kind stressig wird, ist real und absolut nachvollziehbar.
Ich kann genervt und überfordert sein. Ich kann das Gefühl haben, dass ein Kind immer wieder genau den Knopf drückt, der mich ganz fürchterlich triggert und manchmal bin ich einfach müde.
Der liebevolle Blick verlangt nicht, dass ich diese Gefühle wegmache.
Meine Gefühle dürfen da sein. Aber sie sind nicht das Kind.
„Ich fühle mich gerade genervt.“ ist etwas völlig anderes als: „Du bist ein anstrengendes Kind.“ Denn in dem Moment wird aus einem Verhalten eine Identität.
Unbeabsichtigt landet das Kind in einer Schublade. Je länger es dort liegt, desto schwerer wird es, noch etwas anderes zu sehen. Ein Mensch, der dieses Kind nur nach dem beurteilt, was es nicht kann, sieht vordergründig Einschränkungen, Hilfebedarf, Pflege, Schwierigkeiten.
Der liebevolle Blick versucht, die Schublade wieder zu öffnen.
Schwierigkeiten werden nicht schöngeredet, sondern die verborgenen Schätze im Kind werden aufgespürt. Dafür brauche ich manchmal nur einen Moment zum Durchatmen und dann eine andere Frage:
Was braucht dieses Kind in genau diesem Moment, damit es anders handeln kann?
Potenzial ist nicht immer dort zu finden, wo wir danach suchen.
Es zeigt sich nicht immer so, wie wir es erwarten. Oft ist es nur ein kurzer Moment: Ein Lächeln, ein Blickkontakt, ein versunkenes Spiel. Oder ein selbst erfundenes Lego-Fahrzeug, an dem ein Kind mit einer unglaublichen Ausdauer baut. Ein anderes Kind entwickelt eine bemerkenswerte Hartnäckigkeit, um an sein Ziel zu kommen und wieder ein anderes steht immer wieder auf, wenn es gefallen ist. Manchmal ist der Schatz zunächst nur die Tatsache, dass ein Kind überhaupt noch Vertrauen wagt.
Vielleicht zeigt sich das, was in einem Kind steckt, nicht jeden Tag und noch nicht zuverlässig.
Das bedeutet nicht: „Ich sehe alles schön.“
Er bedeutet: „Ich sehe dich ganz.“
Dazu gehört auch, dass ich Schwierigkeiten sehe: Grenzen, Wut, Überforderung, Verhalten, das ich nicht einfach laufen lassen kann.
Denn ein liebevoller Blick bedeutet nicht, einem Kind keine Grenzen zu setzen, im Gegenteil.
Es geht vielmehr darum:
Grenzen verständlich zu machen und innerhalb dieser Grenzen neue Wege zu eröffnen.
Stopp, so geht es nicht.
Ein Kind braucht Grenzen, aber eine Grenze allein zeigt ihm noch nicht, wie es anders gehen kann.
Wenn ein Kind schlägt, schreit, sich verweigert oder völlig außer sich gerät, können wir beim Verhalten stehen bleiben:
„Du darfst nicht schlagen.“
„Wenn du noch einmal so schreist, gehst du vor die Tür.“
„Jetzt machst du eine Pause, bis du dich wieder beruhigt hast.“
Natürlich braucht es eine Grenze, aber was lernt das Kind daraus? Zunächst lernt es, was es nicht tun darf. Und dann sitzt es mit seiner Wut draußen und soll plötzlich etwas können, was es vorher offenbar noch nicht konnte: sich anders ausdrücken, sich selbst regulieren, eine andere Lösung finden. Aber welche?
Ich gehe einen Schritt weiter: Stopp, so geht es nicht. Aber was möchtest du eigentlich?
Was steckt hinter dem Verhalten?
Was wollte das Kind erreichen?
Was konnte es vielleicht noch nicht sagen oder anders ausdrücken?
Was braucht es in diesem Moment?
Wenn wir uns das fragen, können wir ihm zeigen, wie es gehen könnte.
Ein Kind schlägt einen anderen, weil es mitspielen möchte.
Ich kann sagen: „Du hast deinen Freund geschlagen. Das lasse ich nicht zu. Schau mal, jetzt weint er.“
Dann kann ich neugierig werden: „Du wolltest mitspielen. Du wusstest noch nicht, wie du fragen kannst. Komm, wir probieren es gemeinsam: Darf ich mitspielen?“
Oder ein Kind schreit:
„Ich höre, dass du gerade richtig wütend bist. Du darfst wütend sein. Aber ich lasse mich nicht anschreien. Du kannst mir sagen, was dich so wütend macht. Und wenn du das gerade noch nicht kannst, helfe ich dir dabei.“
Das ist für mich ein entscheidender Unterschied: ein Kind braucht nicht nur die Grenze. Es braucht innerhalb dieser Grenze einen Weg.
Grenze und Beziehung gehören für mich zusammen
Ich lasse das Schlagen nicht zu und ich lasse das Schreien nicht einfach laufen. Dennoch bleibe ich nicht bei der Grenze stehen. Ich gehe einen Schritt weiter, denn für mich ist mein Auftrag:
Ich stoppe, was nicht geht.
Ich bleibe bei dir.
Ich versuche zu verstehen, was du brauchst.
Ich zeige dir, was stattdessen möglich ist.
Wenn du es noch nicht alleine schaffst, dann stehe ich dir zur Seite und unterstütze dich.
Das ist für mich der liebevolle Blick: hinter dem Verhalten wieder das Kind zu sehen, mit seinen Bedürfnissen, seinen Möglichkeiten, seinen Grenzen und seinen noch nicht entdeckten Wegen. Ich setze nicht weniger Grenzen, aber ich setzte Grenzen, die dem Kind tatsächlich etwas beibringen.
Denn: „Du darfst nicht schlagen.“ ist eine Grenze, aber noch keine Hilfe.
Und: „Dann gehst du eben vor die Tür, bis du dich wieder benehmen kannst.“ verschiebt das Problem nur. Das Kind sitzt dann mit seiner Wut draußen und soll dort etwas können, das es vorher schon nicht konnte.
Ein schönes Bild für das, was wir als Erwachsene tun können ist:
Wir werden zu Dolmetschern.
Das Kind sagt mit seinem Verhalten:
„Ich will dazugehören.
Ich will mitspielen.
Ich weiß aber gerade nicht, wie ich das anstellen soll.“
Der Erwachsene hilft ihm, die Sprache dafür zu finden:
„Du wolltest mitspielen. Das verstehe ich. Schlagen tut deinem Freund weh. Du kannst sagen: ‚Darf ich mitspielen?‘“
Das Kind bekommt die Möglichkeit zur Wiedergutmachung:
„Du kannst sagen: ‚Entschuldige, dass ich dir wehgetan habe.‘“
Das Kind fühlt die Botschaft:
„Ich verstehe dich.
Dein Bedürfnis ist okay.
Die Art, wie du es gerade ausgedrückt hast, war nicht okay.
Und ich helfe dir, eine andere Möglichkeit zu finden.“
Was ist mit der Wut?
Auch hier kann die Grenze bleiben.
Grenze: „Ich höre, dass du sehr wütend bist. Ich lasse mich aber nicht anschreien.“
Interesse: „Was macht dich gerade so wütend?“
Sprache geben: „Du kannst mir sagen, was dich ärgert.“
Alternative suchen: „Wenn du so wütend bist, können wir überlegen, was dir hilft, ohne dass du schreien musst.“
Das ist der Unterschied zwischen Verhalten stoppen und Verhalten verstehen und begleiten.
Das eine beendet einen Moment.
Das andere kann dem Kind helfen, beim nächsten Mal einen anderen Weg zu finden.
Es kann hilfreich sein, die Frage noch ein wenig zu erweitern.
Was braucht die Situation?
Welche Alternative kann ich ihm jetzt, hier und in dieser Situation anbieten?
Was können wir an der Umgebung verändern?
Welche kleine Unterstützung könnte das Kind irgendwann selbst übernehmen?
Denn Kinder lernen nicht nur in Gesprächen über ihr Verhalten. Sie lernen in der Situation selbst. Wenn ein Kind immer wieder an derselben Stelle scheitert, kann es deshalb sinnvoll sein zu fragen: „Was können wir an dieser Situation verändern?“
Es braucht gar nicht immer noch eine weitere Übung außerhalb des Alltags. Das Kind braucht jemanden, der genau in diesem Moment neben ihm steht und sagt: „Komm. Ich zeige dir, wie es gehen könnte.“
Der sichere Hafen
Damit komme ich noch einmal zu der Rolle der Eltern.
Eine sichere Beziehung und ein sicherer Hafen bedeuten nicht: „Bei Mama/ Papa darf ich alles.“ Für mich bedeutet es: „Mama/ Papa hält meine Grenze aus, ohne mich fallen zu lassen.“
Ich darf wütend sein.
Ich darf traurig sein.
Ich darf etwas wollen.
Ich darf es schwer haben.
Aber ich darf andere nicht verletzen und wenn ich noch nicht weiß, wie ich mein Bedürfnis anders ausdrücken kann, hilft mir jemand dabei. Eltern müssen dafür keine Therapeuten werden, sie müssen nicht jeden Nachmittag Therapieziele abarbeiten.
Sie sollen und dürfen Mama und Papa sein, der sichere Hafen, der Anker, der Leuchtturm für das Kind.
Noch mehr Förderung ist gar nicht unbedingt notwendig, sondern ein anderer Blick auf den Alltag. Eine kleine Veränderung der Routine, der Umgebung und einen Erwachsenen, der in einem schwierigen Moment nicht nur fragt:
„Wie bekomme ich dieses Verhalten weg?“
sondern:
„Was möchte dieses Kind eigentlich? Wie kann ich ihm helfen, einen anderen Weg zu finden?“
Das ist Beziehung statt Reparatur
Für mich ist das eine sehr schöne Verbindung von Bindung, Bedürfnisorientierung, Grenze, Potenzialblick und Alltagspädagogik.
Hinter jedem Verhalten steckt ein Kind, das etwas versucht.
Wir müssen ein Kind gar nicht verändern. Wir dürfen genauer hinschauen, was es uns sagen möchte und ein kleines Stück seiner Welt verändern.
Genau das ist der Kompass, den wir brauchen. Weil er uns helfen kann, auch dann die Richtung wiederzufinden, wenn wir mitten in unwegsamem Gelände stehen.
Ich kann dir keinen fertigen Weg zeigen.
Aber ich habe einen Kompass.
Das reicht manchmal schon für den nächsten Schritt.
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