Mein Diagnose Dilemma

Veröffentlicht am 27. Oktober 2026 um 21:07

 

In meiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen erlebe ich, wie lange es dauern kann, bis ein Kind die Hilfe bekommt, die es braucht. Manchmal vergehen Monate, oft Jahre. Währenddessen wächst die Verzweiflung beim Kind, bei den Eltern und bei den Menschen, die es begleiten. Aus anfänglichen Schwierigkeiten können Selbstzweifel, Rückzug, Frustration oder Konflikte entstehen.

Hilfe ist dabei in der Regel an Diagnosen gekoppelt.

Hier beginnt mein Dilemma.

Ich weiß, dass Diagnosen bei der Behandlung von Krankheiten oder Verletzungen helfen können. In einigen Fällen können sie auch hilfreich sein, um Schwierigkeiten zu verstehen, Bedürfnisse sichtbar zu machen und die passende Unterstützung zu finden.

Aber warum müssen Kinder oft erst Monate auf eine Diagnose warten, bevor ihnen geholfen wird?  

Ein Kind sollte Unterstützung bekommen, weil es sie braucht, nicht erst, wenn eine Diagnose das bestätigt. Denn Schwierigkeiten in der Entwicklung sind nicht automatisch Ausdruck einer Erkrankung. Werden notwendige Unterstützung und Begleitung jedoch zu lange hinausgezögert, können sich Schwierigkeiten verfestigen und sich körperliche oder seelische Probleme manifestieren.

 

 

Wenn ich von Diagnosen spreche, meine ich vor allem Auffälligkeiten in der kindlichen Entwicklung und im Verhalten, deren Ursachen sich nicht immer eindeutig erkennen lassen. Ein Kind schlägt oder beißt, findet schwer in eine Gruppe oder kann mit Frustration kaum umgehen. Dahinter können ganz unterschiedliche Dinge stecken. Manches gehört zu einer Entwicklungsphase, manches muss erst gelernt werden, manches braucht gezielte Unterstützung. Oft wissen wir zunächst einfach noch nicht, was hinter einem Verhalten steckt und wie es sich weiterentwickeln wird.

Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich mein Dilemma: Wie beschreiben wir, was wir beobachten, ohne daraus vorschnell eine Festlegung darüber zu machen, wer ein Kind ist und was aus ihm werden kann?

 

Doch damit ist mein Dilemma noch nicht zu Ende.

Was geschieht, wenn eine Diagnose nicht mehr nur beschreibt, sondern ein Mensch anfängt, sich über sie zu definieren? Wenn aus einer Beschreibung eine Grenze wird.

Aus einer hilfreichen Einordnung wird eine Schublade. Und wie komme ich aus dieser Schublade wieder heraus?

Du bist Autist. Du hast Schwierigkeiten in sozialen Interaktionen.

Du hast ADHS. Du bist unkonzentriert und zappelig.

Du bist hochsensibel. Die Welt ist dir schnell zu viel.

 

Beschreibungen wie diese können zutreffen. Schwierig wird es für mich dort, wo in den Köpfen aus einer Beschreibung eine Festlegung wird.

Ich bin schwierig in sozialen Interaktionen.

Ich kann mich nicht konzentrieren.

Ich bin zu viel für andere.

Aus einem „Ich habe Schwierigkeiten“ wird ein „Ich bin eben so“. Und manchmal folgt daraus: „Deshalb kann ich das nicht.“

 

Was geschieht, wenn ein Mensch diese Sätze irgendwann selbst glaubt? Er lebt nicht mehr nur mit einer Schwierigkeit, sondern beginnt, sich selbst durch sie zu betrachten. Er probiert Möglichkeiten gar nicht erst aus, weil er von außen gelernt hat, was zu ihm passt und was nicht. Aber sind diese Grenzen wirklich auch seine eigenen Grenzen?

Schwierigkeiten sind real, sie können den Alltag erschweren, Kraft kosten und Unterstützung notwendig machen. Ich möchte nichts davon beschönigen.

Doch ein Mensch ist mehr als das, was ihm schwerfällt, das verlieren wir manchmal aus dem Blick.

 

Das Diagnose Dilemma

Ich möchte nicht, dass Kindern notwendige Hilfen vorenthalten werden. Gleichzeitig möchte ich nicht, dass sie sich diese Hilfe mit einem Etikett erkaufen müssen, das andere, oder sie selbst, irgendwann für ihre ganze Person halten.

 

Das ist der Widerspruch, der in mir arbeitet:

Wir brauchen Diagnosen, damit Bedürfnisse erkannt und Hilfen ermöglicht werden. Gleichzeitig können dieselben Diagnosen Erwartungen prägen und Grenzen markieren. Sie beeinflussen, was wir einem Menschen zutrauen und was er sich selbst noch zutraut.

Wie gehen wir damit um?

Ich finde noch keine fertige Antwort darauf.

 

Auch nach fast 30 Jahren Berufserfahrung ertappe ich mich dabei, unbewusst Muster zu erkennen und Menschen einzuordnen. Ich beobachte, vergleiche und suche nach Erklärungen. Das hilft mir zunächst, Zusammenhänge zu verstehen. Und doch weiß ich, dass ich damit nie den ganzen Menschen erfasse.

Darin liegt meine eigene Herausforderung: bewusst hinzusehen, ohne vorschnell festzulegen. Schwierigkeiten ernst zu nehmen und trotzdem offen zu bleiben für das, was sich entwickeln kann.

Denn wir kennen einen Menschen in seiner heutigen Situation, aber wir kennen nicht seinen zukünftigen Weg.

 

Was wissen wir über das, was noch möglich ist?

Ein Kind tut sich schwer, ein Jugendlicher entwickelt sich anders als erwartet, ein Mensch findet keinen Zugang zu dem, was anderen scheinbar mühelos gelingt. Wir suchen nach Erklärungen und überlegen, welche Unterstützung notwendig ist.

Wie schnell aber wird aus dem, was wir heute beobachten, eine Vorstellung davon, was morgen möglich sein wird?

Wer weiß, welche Fähigkeiten ein Mensch entwickelt, wenn er die passende Unterstützung findet? Welche Kräfte er mobilisieren kann, wenn er eine Aufgabe entdeckt, für die er Feuer und Flamme ist?

Eine Begeisterung, die trägt, eine Tätigkeit, die Sinn gibt und ein Umfeld, in dem jemand nicht ständig gegen seine Schwierigkeiten ankämpfen muss, sondern eigene Wege finden darf.

Das garantiert noch nicht, dass jede Grenze verschwindet oder jeder Traum Wirklichkeit wird. Aber es erinnert mich daran, wie wenig wir über einen Lebensweg wissen können, solange wir nur auf seinen heutigen Ausgangspunkt schauen.

 

 

Ich glaube, dass Kinder und Erwachsene etwas leisten wollen. Ich glaube, dass das Wort Leistungsdruck aufkam, nicht weil Leistung an sich gehasst wird, sondern fremd verlangte Leistung, die nicht mit inneren Bedürfnissen verbunden ist. 

Ruth Cohn

 

 

Du darfst träumen!

Ein Gedanke von Ruth Cohn prägt meine Haltung besonders: Wir sind nicht ausschließlich unseren inneren und äußeren Bedingungen ausgeliefert. Innerhalb dieser Bedingungen können wir Handlungsspielräume entdecken und erweitern.

Für mich steckt darin eine wichtige Botschaft: Wir dürfen Grenzen wahrnehmen, aber wir müssen sie nicht automatisch für unveränderlich halten.

 

Wenn wir beginnen gedankliches Wachstum zuzulassen, kann äußeres Wachstum beginnen. Denn wenn wir uns erlauben, anders über uns und unsere Möglichkeiten zu denken, kann sich auch unser Handlungsspielraum verändern.

Ohne Druck, und ohne anderen etwas beweisen zu müssen. Wir sind nicht erst dann wertvoll, wenn wir Schwierigkeiten überwunden haben. Aber jede überwundene Hürde schenkt uns Glücksgefühle und stärken das Selbstbewusstsein.

Wir dürfen wachsen, wenn wir bereit dazu sind, wenn wir Unterstützung finden und sich neue Möglichkeiten eröffnen. Entwicklung geschieht in großen Schritten oder manchmal kaum sichtbar. Zuweilen brauchen wir lange, um überhaupt zu erkennen, wohin unser Weg führen könnte.

Aber der Weg beginnt mit einer einfachen Erlaubnis:

Ich darf etwas lernen, das ich heute noch nicht kann.

Ich darf herausfinden, was mir liegt.

Ich darf mir etwas zutrauen, auch wenn andere noch Zweifel haben.

Ich darf träumen.

 

Dazu müssen wir keine Schwierigkeiten leugnen. Wir müssen nur aufhören, sie mit dem ganzen Menschen gleichzusetzen. Und oft genug entsteht aus Schwierigkeiten echtes Wachstum.

 

Inklusion beginnt für mich mit der Bereitschaft, einen Menschen in seiner Entwicklung zu begleiten, seine Bedürfnisse wahrzunehmen, seine Grenzen zu respektieren und ihm zugleich Möglichkeiten zuzugestehen, die sich erst noch entwickeln können.

Die Diagnose kann dabei helfen. Sie sollte aber nicht der Ausgangspunkt sein, von dem aus wir den Menschen betrachten.

Oft liegen die Grenzen in unseren Erwartungen, unseren Vorstellungen und in den Strukturen, die wir geschaffen haben.

Das menschliche Dasein besteht nicht nur aus schwarz, weiß und grau. Alle möglichen Farben und Farbtöne bilden die unterschiedlichsten Persönlichkeiten und Charaktere. Das ist Vielfalt.

Wir alle haben Eigenschaften, die uns ausmachen. Fähigkeiten, die uns leichtfallen. Schwierigkeiten, mit denen wir ringen. Seiten, die andere sofort sehen, und solche, die erst mit der Zeit sichtbar werden.

Keine Diagnose kann einen Menschen vollständig beschreiben und kein Mensch sollte sich auf das reduzieren müssen, was ihm schwerfällt. Der Gedanke, der mich bei all meinen Fragen begleitet: Die wahren Farben eines Menschen und sein Leuchten nicht aus dem Blick zu verlieren, auch dann, wenn er gerade selbst nicht mehr daran glaubt.

 

Egal, ob du Schwierigkeiten hast, ob du eine Diagnose hast, oder du dich manchmal zu viel fühlst, nicht richtig, nicht passend oder anders als die anderen.

Du bist mehr als das, was dir schwerfällt.

Mehr als das, was andere in dir sehen und mehr als die Bezeichnung, die deine Schwierigkeiten erklären soll.

Deine Farben gehören zu dir, selbst dann, wenn du sie gerade selbst nicht erkennen kannst.

Du darfst neue Wege entdecken, Fähigkeiten entwickeln und Träume haben, von denen du heute noch nicht weißt, wohin sie dich führen werden.

 

 

 

Schubladen sind zu klein für den Menschen.

Eine Schublade ist ein Gefäß, in das Menschen hineingeraten, manchmal, weil sie selbst nach einer Erklärung suchen, manchmal, weil andere sie dort einordnen. Menschen gehören nicht in Schubladen, so wie Pferde nicht in Boxen gehören.

Irgendwann kann es passieren, dass wir die Grenzen dieses Gefäßes für die Grenzen des eigenen Lebens halten.

Wir brauchen Raum, um uns zu bewegen, uns zu entwickeln und unseren eigenen Weg zu finden. Eine Schublade ist dafür viel zu starr.

Lösungen finden wir außerhalb von Schubladen.

 

Auch ich darf wachsen, selbst nach fast 30 Berufsjahren habe ich nicht auf alle Fragen eine Antwort. Ich entdecke Widersprüche, hinterfrage meine Überzeugungen und manchmal merke ich, dass ich neu denken muss.

Ich muss nicht perfekt sein. Ich darf Fragen haben, darf zweifeln, suchen und dazulernen.

Denn Wachstum beginnt, wenn wir uns erlauben, Fragen zu stellen, uns selbst zu hinterfragen und offen zu bleiben für Gedanken, die unser bisheriges Bild verändern.

 

Ich möchte Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zugestehen, sich selbst und auch uns zu überraschen, sich zu entwickeln, neue Wege zu entdecken und über sich hinauszuwachsen.

Und das darf ich mir ebenso zugestehen.

Ich darf wachsen. Wir alle dürfen wachsen.

Eine Schublade ist niemals der ganze Mensch.

 

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