Ich musste einen Moment darüber nachdenken. Denn bevor ich mich beruflich intensiver mit Hochbegabung beschäftigte, hatte ich mir diese Frage selbst nie gestellt.
Nicht einmal bei meiner eigenen Tochter.
Vor ihrer Geburt hatte ich fast elf Jahre in einer integrativen Kita gearbeitet. Dort begleitete ich Kinder mit ganz unterschiedlichen Entwicklungsgeschichten, Kinder mit Beeinträchtigungen und gesundheitlichen Einschränkungen. Manche waren schon recht selbstständig, andere waren bei vielen Dingen des Alltags auf Hilfe angewiesen.
Dort erlebte ich wie viel Zeit, Geduld und Förderung manchmal nötig waren, damit ein Kind einen nächsten Entwicklungsschritt machen konnte. Ein Lächeln, der erste Blickkontakt, das erste Mal auf den eigenen Füßen stehen, der erste Schritt, das erste Wort, konnten Meilensteine sein.
Nichts davon war selbstverständlich.
Dann wurde ich selbst Mutter.
Von Anfang an hatte ich das Gefühl, ein Wunderkind zu haben. Allerdings nicht, weil ich dachte, meine Tochter sei hochbegabt.
Es war vielmehr mein Staunen darüber, wie sich ihre Entwicklung vollzog. Es schien, als würde alles wie von selbst passieren. Als gäbe es einen kleinen Autopiloten, der genau wusste, was als Nächstes dran war. Sie lächelte, wenn sie meine Stimme hörte. Sie entwickelte ihren Schlaf-Wach-Rhythmus, trank kräftig, nahm zu und wuchs. Irgendwann drehte sie sich, krabbelte, lief und begann zu sprechen.
Wir mussten diese Entwicklung nicht anstoßen, sie geschah einfach.
Nach all den Jahren in der Kita, in denen ich erlebt hatte, wie viel Unterstützung einzelne Entwicklungsschritte erfordern konnten, war das für mich ein kleines Wunder. Ich dachte nicht darüber nach, ob das ungewöhnlich war.
Ich staunte und ich freute mich.
„Mama, warum ist das so?“ Fragen über Fragen
Mit eineinhalb Jahren konnte ich mich mit meiner Tochter schon unterhalten wie mit einem Kindergartenkind. Sie wollte überall dabei sein. Wenn ihr Papa im Haus etwas reparierte, beobachtete sie ihn ganz genau. Sie wollte wissen, was er tat, und bekam mit, was um sie herum geschah.
Etwas später kamen Fragen, über die ich manchmal erst einmal selbst nachdenken musste.
„Was war eigentlich vor dem Urknall?“
„Wo geht die Seele hin, wenn der Körper stirbt?“
Oder sie teilte ganz selbstverständlich ihre eigenen Erkenntnisse mit uns, wie beispielsweise über die biblische Geschichte von Mose, der das Rote Meer geteilt haben soll. Da sagte sie einmal: „Das kann gar nicht sein, dass Mose das Meer mit einem Stock geteilt hat. Das geht doch gar nicht. Ich denke, das war ein Tsunami oder ein Sturm, der das Meer zurückgedrängt hat.“
Sie wollte Geschichten nicht einfach hinnehmen. Sie wollte verstehen, ob sie stimmen konnten. Sie dachte nach, stellte Vermutungen an und suchte nach Erklärungen.
Mit etwas mehr als vier Jahren begann sie sich für Buchstaben zu interessieren. Eines Morgens las sie uns am Frühstückstisch die Überschriften in der Zeitung vor.
Niemand hatte sich mit ihr hingesetzt und Buchstaben geübt. Sie hatte sich das Lesen aus eigenem Antrieb erschlossen.
Dann schrieb sie erste kleine Briefchen in ihrer eigenen Lautschrift. „Maus gefunden im Keler. Lebt noch. Geretet fon Mama.“
Wenn ich heute daran denke, muss ich lächeln. Wir freuten uns über ihre Neugier, ihre Gedanken und ihre Entdeckungen. Aber wir fragten uns nicht: Ist unser Kind hochbegabt? Wir dachten einfach, dass wir ein Kind hatten, das die Welt mit einem unglaublichen Forscher- und Entdeckerdrang erkundete.
Und wir durften mitforschen. Das war da Schönste! Es machte unglaublich viel Freude, die Welt durch ihre Augen neu zu entdecken. Ihre Fragen brachten mich selbst zum Nachdenken. Manchmal musste ich Dinge nachlesen, manchmal meine eigenen Vorstellungen überdenken.
Der erste Hinweis
Erst bei der Schuleingangsuntersuchung wurde deutlich, dass unsere Tochter Aufgaben ungewöhnlich schnell erfassen und lösen konnte. Es kam die Empfehlung auf, über eine frühere Einschulung nachzudenken.
Aber meine Tochter war gerade erst fünf Jahre alt geworden. Sie war verspielt, lebendig und in ihrer sozial-emotionalen Entwicklung ihrem Alter entsprechend entwickelt. Wir sahen sie noch nicht in der Schule. Wie sollte dieses kleine, verspielte Kind zwischen den älteren Kindern bestehen, wenn sie mit 5 Jahren emotional noch nicht so weit war wie viele Sechsjährige?
Heute weiß ich, dass eine frühe Einschulung und eine hohe Begabung nicht automatisch bedeuten, dass ein Kind in allen Entwicklungsbereichen weiter ist. Damals dachte ich vor allem an unser kleines Mädchen, das ich in und auswendig kannte.
An ihre Spiele und ihr Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit und noch immer kam mir das Wort Hochbegabung nicht in den Sinn. Wir wollten unser Kind gar nicht möglichst früh zu Höchstleistungen trimmen. Wir wollten, dass es ihr gut ging, dass sie ihrem Entdeckerdrang nachgehen durfte, ohne zu früh zu viel leisten zu müssen.
Und plötzlich wurden ihn die Flügel gestutzt - Schwierig wurde es erst in der Grundschule.
Bei der Schulanmeldung berichteten wir von den Beobachtungen aus der Schuleingangsuntersuchung. Wir fühlten uns nicht ernst genommen. Statt gemeinsam zu überlegen, wie unsere Tochter gut lernen könnte, gerieten wir in eine Schublade - Stempel drauf und abgehakt - so fühlte sich das für uns an.
Unsere Tochter hatte sich so sehr auf die Schule gefreut!
Endlich würde sie Antworten auf ihre vielen Fragen bekommen!
Doch dann sollte sie Buchstaben schreiben, obwohl sie längst Wörter schreiben konnte. Sie machte Ausmalübungen, Schwungübungen und schrieb Zahlen ab. Die Hausaufgaben wurden zum Krampf, nicht, weil sie es nicht konnte, oder ihr die Konzentration fehlte. Sie hatte schlicht vieles schon verstanden und sollte es nun immer wieder aufs Neue üben.
Wir sahen, wie ihre anfängliche Begeisterung nachließ. Wie aus der Freude am Lernen eine lästige Pflicht wurde.
In der dritten Klasse stand die Vergleichsarbeit VERA an. Dabei wurde deutlich, wie weit ihr tatsächlicher Lernstand bereits war. Danach bekam sie zusätzliche Aufgaben.
Ich erinnere mich besonders an die Matheaufgaben. Andere Kinder durften sich drei Aufgaben auf einer Buchseite aussuchen. Meine Tochter sollte die ganze Seite bearbeiten, weil sie so schnell war.
Irgendwann fragte sie uns: „Warum muss ich die ganze Seite machen, obwohl ich das schon verstanden habe? Eigentlich müssten doch die anderen eine ganze Seite machen, damit sie es endlich verstehen.“, da steckte schon viel Wut und Resignation drin.
Sie hatte verstanden, worum es bei den Aufgaben ging. Aber statt sich mit neuen Fragen und schwierigeren Problemen beschäftigen zu dürfen, musste sie mehr von dem machen, was sie längst konnte. Sie erlebte es als ungerecht und ich konnte sie verstehen.
Was sie brauchte, waren nicht einfach mehr Aufgaben. Sie brauchte Aufgaben, bei denen sie wieder etwas lernen konnte.
"Deine Antworten sind richtig. Aber sie sind zu kompliziert.“
In der zweiten Klasse gab es noch keine Noten. Bei einem Schüler-Lehrer-Elterngespräch wurden die Leistungen mit unterschiedlichen Smileys dargestellt. Meine Tochter betrachtete ihren Bogen sehr genau. Überall fand sie lächelnde Smileys. Bis auf den Bereich der Mitarbeit. Das verstand sie nicht. Sie meldete sich doch immer und wusste die Antworten. Also fragte sie ihre Lehrerin geradeheraus, warum sie bei der Mitarbeit keinen lächelnden Smiley bekommen hatte.
Die Lehrerin erklärte ihr, dass sie sehr wohl sehe, wie häufig sie sich melde. Aber sie könne sie nicht immer drannehmen, denn ihre Erklärungen seien für die anderen Kinder zu kompliziert. Die würden das nicht verstehen. Ihre Antworten seien immer richtig und gut. Aber eben viel zu kompliziert. Sie müsse einfacher erklären, dann könne die Lehrerin sie auch wieder häufiger aufrufen.
Ich kann nur vermuten, wie es sich für ein Kind anfühlen muss, das sich eigentlich gerne beteiligt und stolz darauf ist, etwas verstanden zu haben. Sie hatte nichts Falsches gesagt, hatte sich angestrengt, nachgedacht und eine richtige Antwort gefunden. Trotzdem bekam sie die Rückmeldung, dass etwas an ihren Antworten nicht passte.
Das der Moment, in dem sie begann, sich zurückzunehmen.
Von da an zog sich durch ihre gesamte Schullaufbahn bei den Elterngesprächen immer wieder ein Satz:
„Sie ist zu still.“
Heute wundert mich das nicht mehr.
Wenn ein Kind den Eindruck gewinnt, dass andere seine Gedanken nicht verstehen, dass es sich anders ausdrücken muss, um überhaupt gehört zu werden, oder dass seine Antworten zwar richtig, aber irgendwie unpassend sind.
Warum sollte es sich dann weiterhin so selbstverständlich melden wie zuvor?
Mein Kind hört damit auf ihre reiche Gedankenwelt mit anderen zu teilen.
Wie hätte dieses Gespräch anders verlaufen können?
Die Lehrerin hätte sagen können: „Du denkst wirklich gründlich über die Dinge nach. Manchmal sind deine Erklärungen für die anderen noch schwer zu verstehen. Wollen wir gemeinsam überlegen, wie du ihnen deine Gedanken verständlich machen kannst?“
Das wäre etwas anderes gewesen. Dann hätte meine Tochter nicht lernen müssen, dass ihre Gedanken zu kompliziert sind. Sie hätte lernen dürfen, wie man unterschiedliche Menschen erreicht. Denn das ist doch eine Fähigkeit, die wir alle erst entwickeln müssen: unsere Gedanken so auszudrücken, dass andere uns folgen können, ohne dabei unsere Gedanken kleiner machen zu müssen.
Das Kind hätte Unterstützung gebraucht, statt der Botschaft, dass sie sich besser zurückhalten sollte.
Wir trösteten uns irgendwann mit dem Gedanken, dass sie bald aufs Gymnasium wechseln würde. Dort, so hofften wir, würde es besser werden.
Erst nach und nach begannen wir uns zu fragen, ob unsere Tochter vielleicht hochbegabt sein könnte.
Warum wir sie nicht früher testen ließen
Wir ließen unsere Tochter erst in der elften Klasse testen. Für uns hätte ein bestimmter Wert niemals einen Unterschied gemacht. Ob ihr Intelligenzquotient bei 95, 130 oder noch höher liegen würde:
Wir lieben unser Kind von ganzem Herzen.
Sie musste uns nichts beweisen. Sie musste nicht besonders klug sein, um für uns etwas Besonderes zu sein.
Erst als sie selbst wissen wollte, warum sie sich von vielen Gleichaltrigen so anders fühlte, wurde die Testung für sie wichtig. Sie brauchte eine Erklärung für ihre eigenen Erfahrungen.
Ich finde, dass das ein guter Grund ist, sich mit der Frage nach Hochbegabung zu beschäftigen:
wenn ein Kind selbst verstehen möchte, wie es denkt, lernt und die Welt erlebt.
Vielleicht hätten wir früher testen lassen sollen. Manchmal frage ich mich das.
Ein früheres Ergebnis hätte uns möglicherweise geholfen, in der Schule überzeugender für ihre Bedürfnisse einzutreten. Vielleicht hätten sich dadurch Möglichkeiten eröffnet, aber wir können nicht wissen, ob wir damit tatsächlich früher ein passendes Lernumfeld gefunden hätten.
Denn eines haben wir trotz aller Bemühungen erlebt: Ein Testergebnis allein schafft noch keinen Ort, an dem ein Kind aufblühen kann, denn:
Wir konnten uns die passende Schule nicht einfach aussuchen
Manchmal wird Eltern hochbegabter Kinder geraten, sie müssten nur die passende Schule finden. Einen Ort, an dem ihr Kind gefordert wird, an dem es sich entfalten darf und an dem seine besonderen Fähigkeiten willkommen sind. Das klingt einleuchtend, aber es setzt voraus, dass es diesen Ort überhaupt gibt und dass man ihn auch erreichen kann.
Wir leben auf dem Land. Die Auswahl an Schulen ist begrenzt, und die Entfernungen sind groß. Und warum geht Inklusion nur in eine Richtung? Wer sagt, dass Kinder mit einem hohen Begabungspotential keine Unterstützung oder Förderung brauchen?
Also versuchten wir, innerhalb der Möglichkeiten das Beste zu finden.
Das ist eine Seite der Geschichte, die in vielen Ratgebern zu kurz kommt:
Eltern können noch so aufmerksam sein, ihr Kind noch so gut kennen und sich noch so sehr für seine Bedürfnisse einsetzen. Sie können nicht alle Rahmenbedingungen verändern.
Manchmal findet man nicht die ideale Lösung.
Manchmal versucht man, einen Weg zu finden, der für das eigene Kind und die Familie tragbar ist und manchmal bleibt die Hoffnung, dass es später besser wird.
Warum brschäftige ich mich heute mit Hochbegabung?
Erst im Rückblick tauchten in meinem Kopf Millionen Fragen auf.
Wie erkennt man eigentlich Hochbegabung? Werden hochbegabte Kinder so geboren? Ab wann kann man Unterschiede erkennen? Wie können Eltern sie unterstützen? Wie können Eltern Unterstüzung finden? Was brauchen sie in der Kita und in der Schule? Wie erkennt man, dass ein Kind unter Langeweile leidet? Und warum scheint es manchmal so schwierig, einem Kind passende Lernangebote zu machen?
Müssen Kinder, die schneller denken, tatsächlich ausgebremst werden, damit sie nicht davon galoppieren?
Diese Fragen haben mich nicht mehr losgelassen und sind der Grund dafür, dass ich mich fachlich weitergebildet habe. Ich wollte verstehen, was ich bei meiner Tochter erlebt hatte. Ich wollte Antworten finden, nicht nur für uns, sondern auch für andere Eltern.
Ich möchte dabei helfen anderen Familien und ganz besonders den Kindern Frust und Leid zu ersparen, indem ich die Erkenntnisse aus unserer Geschichte weitergebe.
Für die Mutter, die ihr Kind beobachtet und sich fragt:
Ist es normal, dass mein Kind so viele Fragen stellt?
Ist es normal, dass es so viel redet, so schnell versteht, so ungewöhnliche Gedanken hat?
Übersehe ich etwas?
Und was braucht mein Kind von mir?
Ich möchte Eltern und Pädagogen helfen, genauer hinzusehen, ohne vorschnelle Etiketten und ohne den Druck, aus einem Kind etwas Besonderes machen zu müssen.
Es lohnt sich, hinzusehen. Es lohnt sich, Fragen zu stellen und manchmal lohnt es sich auch, genauer untersuchen zu lassen, was hinter den Beobachtungen steckt.
Aber all das verändert nichts an dem, was schon vorher da war.
Vielleicht ist mein Kind hochbegabt.
Aber ich muss das nicht wissen, um zu erkennen,
wie wunderbar mein Kind ist.
Ein Kind muss nichts leisten, um liebenswert zu sein.
Es muss nicht schneller denken, früher lesen oder schwierige Fragen stellen.
Es muss nicht einmal sein Potenzial ausschöpfen.
Es ist wertvoll, weil es da ist.
Weil es ein Mensch mit einer eigenen Persönlichkeit, einer eigenen Geschichte und einer eigenen Zukunft ist.
Ob aus einem hochbegabten Kind einmal ein Wunderkind wird, wissen wir nicht.
Aber dass jedes Kind ein Wunder ist?
Das ist gewiss.
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