Heute Morgen hatte Ebby ihren Flow. Wir waren sehr langsam unterwegs. Ebbys Nase führte sie von einer Spur zur nächsten, blieb stehen, bog ab, nahm etwas auf, verlor es wieder und fand eine neue Fährte.
Für die Hundenase gab es offenbar viel zu lesen.
Wir hatten Zeit, also ließ ich sie schnüffeln.
Ebby war ganz bei der Sache und ließ sich von ihrer Nase leiten. Für diesen Moment schien es nur eine wichtige Sache zu geben: schnüffeln, entdecken, folgen.
Später zu Hause schlief sie fast zwei Stunden.
Ich dachte: Sie ist müde. Aber auf eine ganz besondere Art. Ebby war zufrieden und gesättigt von all dem, was sie erschnüffelt und entdeckt hatte.
Ich kenne dieses Gefühl.
Beim Schreiben gibt es solche Momente auch für mich.
Wenn ich eine Idee gefunden habe und ihr folge. Wenn aus einem Gedanken der nächste entsteht, sich plötzlich eine Verbindung zeigt und ich denke: „Wohin führt mich das, wenn ich es so betrachte? Was passiert, wenn ich diesen Gedanken noch einmal drehe? Was ist, wenn ich es anders verbinde?“.
Ich höre so oft den Spruch: „Du musst nicht immer alles zerdenken.“ Das ist wohl der Grund, warum ich irgendwann genauer hingeschaut habe, was eigentlich passiert, wenn ich denke.
Ich folge Gedankenspuren: Gedanken, die auftauchen. Fragen, die sich daraus ergeben. Verbindungen, die plötzlich sichtbar werden. Andere Perspektiven, die mich noch einmal ganz anders auf dieselbe Sache schauen lassen.
Ich denke gerne ergebnisoffen, weil mich interessiert, wohin mich die Spur führt.
Was ist, wenn ich es so mache? Welche neue Perspektive eröffnet sich mir? Was passiert, wenn ich es umbaue? Welche neue Idee entsteht daraus?
Im Alltag geht das natürlich nicht immer. Manchmal muss es schnell gehen, eine Entscheidung treffen, weitermachen, nächster Punkt.
Aber diese ausgedehnten Denkmomente, in denen ein Gedanke Zeit bekommt, sich zu entwickeln, sind unglaublich wohltuend für mich. Manchmal auch erhellend, denn plötzlich fügt sich etwas zusammen, das vorher noch gar nicht zusammengehörte. Dann bin ich irgendwann mittendrin im Schreibflow.
Selbst wenn ich danach müde bin, fühlt es sich an wie eine gute Müdigkeit. Eine, die mich gleichzeitig leichter macht, weil ich ganz bei einer Sache war, mich konzentriert und ganz hingegeben habe.
Das ist fast wie Fliegen. Meine eigene Form von Flow.
So wie Ebby einer Spur folgt, folge ich Gedanken.
Manchmal führt eine Spur zur nächsten, bis ich ganz darin verschwunden bin.
Dann denke ich an die Kinder. Auch sie finden ihre Spuren.
Wenn Kinder bauen und plötzlich etwas entsteht, das sie so noch gar nicht geplant hatten.
Wenn sie malen und aus einer Farbe die nächste Idee wächst.
Oder wenn sie lesen und einer Geschichte folgen, bis sie alles um sich herum vergessen.
Wenn sie ausprobieren, umbauen, verwerfen und wieder von vorne beginnen.
Eine Frage führt zur nächsten Frage, eine Idee führt zur nächsten Idee.
Kinder folgen Spuren. Ihrer Neugier, ihren Fragen, ihren Ideen und ihrer eigenen inneren Spur.
„Was wäre, wenn …?“ öffnet eine neue Tür und dann sind die Kinder ganz darin.
Wir Erwachsenen können ihnen viel öfter Zeit schenken, um einer eigenen Spur zu folgen, bei einer Sache zu bleiben, etwas auszuprobieren, umzubauen und wieder neu zu beginnen.
Zeit für die Frage: „Wohin führt mich das?“
Viele Kinder wären abends anders müde, wenn wir ihnen tagsüber öfter die Zeit gäben, wirklich irgendwo einzutauchen.
Denn Flow lässt sich nicht verordnen und nicht erzwingen. Flow kann man nicht machen. Man kann nur Bedingungen schaffen, in denen er entstehen kann.
Wir können Räume schaffen und Zeit schenken, damit Flow entstehen darf.
Zeit bedeutet nicht nur „freie Zeit“, sondern Zeit, die lang genug ist, um überhaupt auf eine Spur zu kommen und ihr folgen zu können.
Für ihren ganz eigenen Flow, in dem sie ihren Fragen und Ideen auf die Spur kommen.
Das ist eine Form von Auftrieb:
Wenn Hingabe sich anfühlt wie Fliegen, dann lasst uns der Wind sein, der den Kindern den nötigen Auftrieb schenkt.
Zeit und Raum, mehr braucht es nicht.
Lasst sie fliegen.
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