Draußen regnet es.
Kein freundlicher Sommerregen, sondern kalter Herbstregen, den der Wind schräg über den Gehweg treibt. Das Laub klebt auf dem Boden.
„Ich will keine Jacke!“ Der Junge steht in der Haustür und schaut entschlossen nach draußen. Die Mutter schaut auf den Regen und dann auf ihren Sohn. Es regnet, es ist kalt. „Ich will keine Jacke!“, protestiert der Junge lautstark.
Plötzlich steht man als Elternteil in einem Spannungsfeld und vor der großen Frage:
Ist das hier ein Wunschkonzert, oder was bedeutet eigentlich Bedürfnisorientierung?
Was tun?
Das Kind soll mitbestimmen. Es soll lernen, seine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und erfahren, dass seine Meinung zählt. Aber draußen ist es kalt und nass und die Mutter beginnt sich zu fragen: Was ist hier eigentlich das Bedürfnis meines Kindes?
Ist es wirklich das Bedürfnis, ohne Jacke hinauszugehen? Oder ist „Ich will keine Jacke!“ zunächst einmal einfach das, was das Kind will?
Die Frage ist klein. Der Unterschied ist groß.
Kinder können Wünsche mit großer Entschiedenheit vortragen.
„Ich will das! - Ich will nicht! - Ich kann das alleine!“
Für ein Kind kann sich ein Wunsch in diesem Moment sehr dringend anfühlen. Und trotzdem erzählt der Wunsch noch nicht automatisch, was das Kind wirklich braucht.
„Ich will keine Jacke!“ kann heißen: Ich möchte selbst entscheiden. Ich mag diese Jacke nicht. Ich möchte meinen Körper selbst bestimmen. Gleichzeitig braucht der Körper Wärme und Schutz vor Nässe.
Der Wunsch und das Bedürfnis sind nicht dasselbe.
Wenn wir uns anschauen, was Menschen für ihr körperliches und seelisches Wohlbefinden brauchen, wird schnell deutlich, wie viel davon ein kleines Kind noch gar nicht selbst in die Hand nehmen kann.
Die Bedürfnispyramide nach Maslow ist ein schönes Bild,
um sichtbar zu machen, wie grundlegend manche Bedürfnisse sind:
körperliche Versorgung, Schutz und Sicherheit, Zugehörigkeit und Wertschätzung.
Auf dieser Basis können Kinder sich immer weiter nach außen wenden, entdecken, ausprobieren, gestalten und wachsen.
Das Kind muss nicht alles selbst können. Es darf immer mehr selbst können, weil jemand da ist, der den Boden unter seinen Füßen sichert.
Also nochmal zurück zur Haustür
Die Mutter zieht ihre Regenjacke an.
„Draußen ist es kalt und nass. Ich möchte nicht frieren und nass werden. Deshalb ziehe ich meine gemütliche Regenjacke an.“ Sie nimmt zwei Jacken aus der Garderobe. „Möchtest du die blaue Regenjacke oder die kuschelig warme rote?“
Ihr Sohn schaut auf beide. Ist die blaue heute interessant, oder möchte er sich heute in die rote Jacke einkuscheln?
Es könnte gut sein, dass er trotzdem erst einmal protestieren wird, aber etwas Entscheidendes hat sich verändert:
Das Kind muss nicht entscheiden, ob es bei diesem Wetter Schutz vor Kälte und Nässe braucht. Diese Verantwortung übernimmt seine Mutter, die Erwachsene.
Das Kind darf aber entscheiden, wie dieser Schutz für es aussehen soll. Das ist Mitbestimmung.
Während der Junge die rote Jacke anzieht, geschieht noch etwas, das ganz unspektakulär aussieht und doch wichtig ist:
Er erlebt die Mutter als jemanden, der ihm Sicherheit gibt. Sie weiß, dass es kalt ist und regnet. Sie weiß, was der Körper jetzt braucht und sie sorgt dafür.
Sicherheit gehört zu den grundlegendsten Bedürfnissen eines Menschen. Sie gibt den Boden, auf dem Entwicklung möglich wird.
Ein kleiner Mensch muss nicht jeden Morgen neu entscheiden, ob er heute essen sollte. Er muss nicht beurteilen, ob zehn Grad Außentemperatur T-Shirt-Wetter sind oder wie gefährlich eine Straße ist.
Es gibt einen Menschen, der diese Dinge zunächst für ihn mitdenkt.
Das ist keine Einschränkung von Selbstständigkeit.
Es ist die Voraussetzung dafür, dass Selbstständigkeit wachsen kann.
Der sichere Rahmen macht Freiheit möglich.
Ein Mädchen steht vor einem Baum. „Ich will da hoch!“
Der Vater sieht den Baum. Er sieht auch den Ast, auf den seine Tochter möchte. Ein bisschen klettern kann sie schon.
„Du möchtest da hoch. Komm, wir schauen, wie weit du kommst. Ich bleibe hier.“
Das Mädchen klettert. Ein Stück höher, dann schaut sie nach unten. Der Vater ist noch da. Sie klettert weiter.
Das Bedürfnis nach Wachstum bekommt Raum und das Bedürfnis nach Sicherheit bleibt gewahrt.
Der Rahmen ist nicht der Feind der Freiheit, wenn er genügend Raum lässt.
Ein Kind braucht Grenzen nicht deshalb, weil Erwachsene seine Wünsche kleinhalten wollen.
Kinder brauchen einen Rahmen, weil die Welt noch größer ist als ihr Entwicklungsstand.
Mit zunehmendem Alter kann dieser Rahmen weiter werden.
Das Kind kann immer mehr selbst entscheiden.
Irgendwann kann es selbst beurteilen, ob es eine Regenjacke braucht. Es kann Gefahren zunehmend einschätzen und seine eigenen Bedürfnisse besser wahrnehmen. Es kann Konflikte lösen und Verantwortung übernehmen.
Aber es beginnt nicht damit, dass der Erwachsene alle Verantwortung abgibt.
Es beginnt damit, dass der Erwachsene Verantwortung übernimmt und das Kind darin wachsen lässt.
Stell dir vor, dein Kind hat einen ganz besonderen Lieblingsnachtisch.
Milchreis mit Zimt, oder Pfannkuchen mit Erdbeeren.
Du denkst: Mein Kind liebt diesen Nachtisch. Warum sollte ich ihm diese Freude nicht machen? Also bereitest du ihn vor, heute, morgen und übermorgen. Eine ganze Woche lang. Das ist doch bedürfnisorientiert, oder etwa nicht?
Doch irgendwann passiert etwas Merkwürdiges: „Schon wieder?“ Was gestern noch ein kleines Glück war, ist plötzlich selbstverständlich geworden. Der Lieblingsnachtisch ist keiner mehr.
Denn Freude entsteht nicht allein dadurch, dass ein Wunsch erfüllt wird. Sie entsteht auch durch Vorfreude, Besonderheit und Überraschung.
Wenn der Lieblingsnachtisch nur manchmal auf dem Tisch steht, kann er etwas Besonderes bleiben. Dann sieht das Kind den Teller und strahlt. „Jaaa! Mein Lieblingsnachtisch!“
Auch das ist Bedürfnisorientierung: Ein Kind darf erleben „Ich möchte etwas sehr gerne. Ich bekomme es gerade nicht. Ich bin enttäuscht. Mama hält das aus. Unsere Beziehung bleibt trotzdem stabil.“
Wenn wir jeden Wunsch sofort erfüllen, nehmen wir Kindern manchmal nicht nur Frust ab. Wir nehmen ihnen auch Vorfreude. Ein gutes Leben besteht nicht darin, jeden Wunsch sofort erfüllt zu bekommen.
Jetzt wird auch das Wort „bedürfnisorientiert“ klarer
Es ist gar nicht so kompliziert. Der Wunsch erzählt uns etwas über das Kind, aber er ist nicht das Bedürfnis.
Bedürfnisorientierung ist deshalb vor allem eine Haltung, die fragt:
Was steckt hinter dem, was mein Kind gerade möchte?
Was braucht es wirklich?
Was kann es davon schon selbst übernehmen?
Wo bin ich als Erwachsener noch gefragt?
Die Antwort kann eine Jacke sein, eine Umarmung, eine klare Grenze, ungeteilte Aufmerksamkeit oder ein sicherer Kletterrahmen.
Bedürfnisorientierung bedeutet nicht, dass ein Kind immer bekommt, was es will.
Eines Tages steht das Kind selbst vor der Haustür.
Es regnet und ist kalt.
Das Kind nimmt seine Jacke vom Haken, ganz selbstverständlich.
Nicht, weil Mama jetzt endlich aufgehört hat, es zu bestimmen.
Es hat inzwischen gelernt, seinen Körper wahrzunehmen und die Situation einzuschätzen.
„Draußen ist es kalt. Ich möchte warm und trocken bleiben.“
Was früher der Erwachsene übernommen hat, kann das Kind nun selbst übernehmen.
Das ist Selbstständigkeit.
Sie entsteht nicht dadurch, dass wir Kindern möglichst früh die ganze Verantwortung überlassen.
Sie entsteht, wenn wir Verantwortung zunächst tragen, Sicherheit geben und sie Schritt für Schritt abgeben, sobald ein Kind bereit dafür ist.
Der Erwachsene gibt den Rahmen.
Das Kind bekommt darin zunehmend Freiheit.
Das ist der Unterschied zwischen einem Wunschkonzert und Bedürfnisorientierung.
Bedürfnisorientierung heißt, das Kind ernst zu nehmen, nicht jeden Wunsch zu erfüllen.
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